Geschrieben am 23.01.2015

In Nagold zeigt man sich durchaus angetan

Die Pläne des Landkreises zur Neuausrichtung der Kliniken mit dem Neubau in Calw und der Sanierung in Nagold stießen bei der Präsentation in Nagold auf viel Unterstützung. Kritik war im Nagolder Kubus freilich auch zu hören – und das nicht nur von der Calwer Bürgerinitiative.

Der Weg hin zum Konzept “3plus” zur Neuausrichtung der Krankenhäuser war langwierig und aufwendig. Dass das auch auf dessen Umsetzung zutreffen wird, das haben die Bürgervertreter im Kreistag schon vor einiger Zeit erfahren. Was da an Ausgaben und Maßnahmen auf den Landkreis und den Klinikverbund Südwest zukommen, darüber klärt der Kreis den Bürger in zwei Informationsveranstaltungen an den beiden betroffenen Standorten Calw und Nagold auf. Den Anfang machte am Dienstagabend Nagold, wo allerdings trotz der Brisanz des Themas so mancher Stuhl im städtischen Kubus frei blieb.

Bevor die Experten das Wort übernahmen, mahnte Calws Landrat Helmut Riegger, dass man sich im Kreis und im ganzen Klinikverbund nicht auseinander dividieren lassen dürfe. “Im Verbund braucht es ein Miteinander, kein Gegeneinander”, so Riegger, der eine Abkehr vom Kirchturmdenken einforderte. Sein Ziel sei es, dass der Kreis Calw auch noch in zehn Jahren eine gute stationäre Gesundheitsversorgung aufweisen kann. Dazu müsse man aber jetzt aktiv werden, und die Entscheidung nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben. Rieggers Königsweg zu diesem Ziel ist und bleibt das Konzept “3plus” – die Sanierung des Krankenhauses Nagold und die Umwandlung zum Schwerpunktklinikum sowie der Neubau eines Krankenhauses in Calw samt dem Ausbau zum Gesundheitscampus gemeinsam mit einem Reha-Anbieter.

Wie die Pläne für die Umbau– und Neubau-Maßnahmen konkret aussehen, darüber informierten Jörg Risse von der GÖK und der Architekt Helmut Hauser.

Im Fall von Nagold gingen sie unter anderem auf die Struktur der Stationen in dem dann 254 Betten umfassenden Haus ein, auf die Umstrukturierung des Eingangsbereichs und die Trennung der Notaufnahme in zwei Teile oder den Neubau des Medizinischen Versorgungszentrums, das in Richtung der Parkdecks an das bestehende Gebäude angedockt werden soll. Generell wolle man in die Struktur des Gebäudes nur eingreifen, wenn dies auch zwingend nötig sei, sagte Helmut Hauser. Nach Umsetzung der Maßnahmen erreiche das Haus dann wieder einen medizinisch wie technisch modernen Baustandard.

Im Fall von Calw schilderte Jörg Risse zunächst die Gründe, warum ein Neubau in Calw aus seiner Sicht Sinn macht: Die Argumente reichen da von der Tatsache, dass jetzt schon ein Fünftel des Gebäudes aufgrund des mangelhaften Brandschutzes gesperrt ist, über zu große unwirtschaftliche Strukturen bis hin zu praktischen Dingen wie nur einem Personenaufzug. Für den Neubau sehen die Planer einen Bau mit insgesamt 120 Betten und einer durchgängigen Zwei-Bett-Struktur, drei OP-Sälen, Intensiv-Station, Kurzliegerstation und einem Facharztzentrum vor. Das Konzept sei darauf ausgelegt, dass eine Erweiterung ohne Probleme möglich sei – etwa für den Bau eines Reha-Zentrums für den Gesundheitscampus.

Als Netto-Investitionskosten nennen die Planer für das Gesamtprojekt 52,2 Millionen Euro. Davon entfallen 24 Millionen auf Calw und 28,2 Millionen Euro auf Nagold.

In der anschließenden Debatte ergriff sogleich Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann das Wort, machte klar, dass er und der Nagolder Gemeinderat zum Konzept “3plus” stünden und forderte, in dieser Sache so schnell wie möglich Nägel mit Köpfen zu machen. Die derzeitige Unsicherheit wirke sich nicht nur negativ auf die Mitarbeiter aus. Die Situation locke auch nicht gerade Patienten in die Häuser. Die von Großmann angeregte durchgängige Zwei-Zimmer-Struktur sei nur durch einen weiteren Anbau zu realisieren, gab Planer Jörg Risse zu bedenken.

Dass die Schließung der Geburtshilfe noch immer an den Nagoldern nagt, zeigten Wortmeldungen von Großmann und dem Nagolder Polit-Urgestein Paul Baitinger. Auf die Frage, ob eine Wiedereröffnung im Bereich des Möglichen liege, konnten Klinikverbund-Geschäftsführerin Elke Frank und Landrat Riegger keine großen Hoffnungen machen. Vier Jahre lang habe man darum gekämpft, aber schließlich habe die wirtschaftlich nicht mehr tragbare Situation der Geburtshilfe den Ausschlag für die Schließung gegeben, so Frank.

Weitere Redner – darunter auch Mediziner – warben ausdrücklich für das Konzept “3plus”, so etwa der Altensteiger Arzt Bernhard Utters, der auch die geplante Verlagerung der Orthopädie von Calw nach Nagold gegen Kritik aus der Hessestadt ausdrücklich verteidigte. Seine Frau Ursula Utters – ebenfalls Ärztin – mahnte: “Wenn wir jetzt alles lassen wie es ist, werden wir nicht von unserem Minus runterkommen und in fünf Jahren keine guten Krankenhäuser im Kreis mehr haben.” Für den CDU-Kreisrat und Nagolder Gemeinderat Ulrich Kallfass ist der Weg von “3plus”, der einzige, der es gewährleiste, dass man “auch in Zukunft die Menschen so stationär versorgen kann wie sie dies wollen und brauchen”.

Betriebsratschef Herbert Dietel mahnte die Verantwortlichen, bei der Umstrukturierung rechtzeitig die Belegschaft mit einzubeziehen und die Mitarbeiter bei der Finanzierung außen vor zu lassen.

Kritik kam freilich von den anwesenden Mitgliedern der Calwer Bürgerinitiative (BI). So etwa von Ewald Prokein, der erneut die geplante Verlagerung des Orthopädie-Schwerpunkts von Calw nach Nagold und die Annahme angriff, dass Nagold die erwarteten Verluste eines neuen Calwer Klinikums ausgleichen soll. Der Aufforderung des Calwer BI-Mitglieds Eberhard Bantel, Zahlen für ein mögliches neues Gutachten zu liefern, will Landrat Helmut Riegger zwar prinzipiell nachkommen, er warnte aber in aller Deutlichkeit vor einem solchen erneuten Gutachten. “Wenn unser Konzept und unser Gutachten nicht passen würden, dann würde uns das Land doch nicht 50 Millionen Euro hinterherwerfen”, so Riegger, der sich davon überzeugt zeigte: “Wenn wir jetzt lange weiter diskutieren, diskutieren wir irgendwann, welches Krankenhaus wir schließen müssen.”

Mehr Unterstützung von außen geht nicht. Kassen und Krankenhausausschuss finden das Konzept “3plus” gut. Und die Landespolitik auch. So gut, dass sie bereit ist, eine hohe zweistellige Millionensumme in die Neuausrichtung der Kliniken im Kreis Calw zu pumpen. Das will etwas heißen – auch dass “3plus” so falsch nicht sein kann. Die Zusage für diese Millionen jetzt durch noch mehr Debatten und Gutachten oder einen Aufschub der Entscheidung zu gefährden, wäre fatal.

Ohne die Zuschüsse ist die angesichts von Millionenverlusten dringend nötige Neuausrichtung der Kliniken für den Kreis nicht zu schultern. Und ohne Neuausrichtung wird sich der Kreis bald keine zwei Kliniken mehr leisten können. Das kann nicht im Sinne aller Beteiligten sein. Deshalb ist jetzt nicht die Zeit des Zögerns, sondern die Zeit der Entscheidung und des Handelns.

 

Sebastian Bernklau, Schwarzwälder Bote vom 22.01.2015

 

 

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