Geschrieben am 06.02.2017

Antwortschreiben von Landrat Riegger vom 1.2.2017

Sehr geehrter Herr Dr. Roth, sehr geehrte Mitglieder des Vereins pro Krankenhaus Calw und Nagold e.V.,

 

in Ihrem offenen Brief, den Sie ja auch den Medien zur Verfügung gestellt hatten, kündigen Sie an, einige aus Ihrer Sicht neuen Erkenntnisse in Bezug auf die Medizinkonzeption 2020 in einem Gespräch erörtern zu wollen. Einem solchen Gespräch stehe ich offen gegenüber. Erlauben Sie mir allerdings im Vorfeld einige Aspekte Ihres Schreibens bereits heute kurz aufzugreifen.

 

Der von Ihnen angesprochene GKV-Kliniksimulator bringt aus unserer Sicht sowie in der Einschätzung von Krankenhausexperten, wie beispielsweise der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), keinerlei neuen Impulse in die Debatte ein. Der Internetsimulator untermauert lediglich die Unabdingbarkeit der beiden Krankenhausstandorte in unserem Landkreis, sowohl Nagold als auch Calw. Damit kommt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2016 zum gleichen Schluss, den der Kreistag bereits im Dezember 2013 gezogen hatte, nämlich den dauerhaften Erhalt einer Zwei-Stand orte-Struktur für die zukünftige stationäre Gesundheitsversorgung im Land kreis Calw. Wir sind daher nach wie vor der festen Überzeugung, dass die seit Jahren in Gang befindliche Fortentwicklung und Konsolidierung unserer Krankenhausstrukturen auch zukünftig von Menschen mit fundiertem Fachwissen und persönlichem Einschätzungsvermögen verantwortungsvoll vorangebracht werden sollte, und nicht von Maschinen mit statisch hinterlegten Logarithmen.

Der GKV-Kliniksimulator mag sicher für den einen oder anderen Landkreis bzw. auch für Ballungsgebiete einige rudimentäre Anhaltspunkte liefern, wir im Landkreis CaIw sind diesen Grundsatzerkenntnissen bereits Jahre voraus. So möchte der GKV-Spitzenverband mit dem Simulator unter anderem aufzeigen, dass sich durch Schließung eines Krankenhauses die Fahrzeit in dos nächstgelegene Nachbarkrankenhaus in den allermeisten Fällen nicht nennenswert verlängert und konterkariert so den wohnortnahen Versorgungsansatz kommunaler Kliniken landauf und landab.

 

Ich möchte Ihnen damit zu bedenken geben, dass der GKV-Kliniksimulator kein neutrales Werkzeug darstellt, sondern die Interessen eines überwiegenden Teils der Krankenkassen reflektiert, deren Ziele in der Realität nicht immer mit denen kommunaler Klinikträger zusammen passen.

 

Zu überwiegend elektiven Fachbereichen, wie beispielsweise der Orthopädie, trifft der Kliniksimulator zudem keinerlei Aussogen. Die Datenbasis beruht auf Leistungen der stationären Grundversorgung, welche ohnehin zukünftig auch im neuen Krankenhaus auf dem Stammheimer Feld gemäß der Medizinkonzeption 2020 vorgehalten werden. Und um noch einmal die Interessenloge der Kostenträger im Gesundheitswesen aufzugreifen, auch in Bezug auf Ihre Vorstellungen einer dauerhaften, elektiven Linksherzkatheternutzung in Calw: Wir sind in Bezug auf Leistungserbringungen schon seit langem daran gebunden, was die Krankenkassen und dos Sozialministerium als Planungsbehörde bereit sind zu vergüten bzw. zuzulassen. Daran wird sich auch zukünftig nichts ändern, ganz im Gegenteil.

 

Zu den angeführten monetären Aspekten: Die von Ihnen aufgeführten Betriebsergebnisse aus dem Jahr 2015 sind erfreulich, aber leider nicht auf eine positive Leistungsentwicklung des Klinikums Calw-Nagold zurückzuführen. Sie beruhen auf Einmaleffekten, wie Steuerrückerstattungen für Zytostatikaabgaben. Die Zahlen aus dem vergangenen Jahr sowie die Prognosen für 2017 sind leider nicht wirtschaftlicher, womit sich am betriebswirtschaftlichen Handlungsdruck nichts verändert.

 

Wohnortnähe, Behandlungsqualität ober auch Wirtschaftlichkeit schließen sich in der Medizinkonzeption daher nicht aus, sondern sind die Grundpfeiler aller zukünftigen Entwicklungen. Gleiches gilt für die sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen stationären und ambulanten Leistungserbringern, wie sie der neue Gesundheitscampus Calw richtungsweisend vorsieht. Der Campus verfolgt nicht nur die Sicherung der stationären Versorgung im Krankenhaus Calw, sondern legt den Fokus auch auf die ambulante, pflegerische und präventive Versorgung. Allen Akteuren aus dem regionalen Gesundheitssektor wird so zukünftig eine bislang einmalige Möglichkeit geboten, Teil einer patientenorientierten, interprofessionellen und sektorenübergreifenden Zusammenarbeit zu werden und on einer zentralen Stelle räumlich gebündelt Hand in Hand zum Wohle der Patienten arbeiten zu können.

 

Ihnen ist sicher auch bewusst, dass vor allem auf Bundesebene das Aufzeigen von alternativen Lösungen oder zumindest nachhaltiger Lösungsansätze seit Jahren ausbleibt. Genau deshalb haben wir uns im Klinikverbund Südwest auf eine landkreisübergreifende Medizinkonzeption verständigt. Die Medizinkonzeption 2020 sieht neben den Neubauten auf dem Flugfeld und in CaIw vor allen Dingen eine standortübergreifende Verknüpfung und Abstimmung der medizinischen Leistungsstrukturen vor.

 

Dieser zukunftsweisende Denkansatz setzt voraus, die einzelnen Krankenhausstandorte als Teil einer größeren Struktur zu sehen und zu leben, dem Klinikverbund Südwest, mit rund 4.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die jährlich fast 80.000 Patienten stationär und ca. 300.000 Patienten ambulant versorgen.

 

Eine wohnortnahe Versorgung, sprich der dauerhafte Erhalt aller Standorte im Verbund, ist dabei die unabdingbare Basis für die aufeinander abgestimmte, abgestufte Versorgungsstruktur. Ein gegenseitiges Ausspielen der Standorte im Verbund oder innerhalb eines Landkreises ist wenig zielführend. Gerade das Kreisklinikum Calw-Nagold wird zudem als ein Plankrankenhaus innerhalb einer gGmbH geführt.

 

Es gibt somit keine Notwendigkeit, eine ökonomische Aufrechnung etwaiger Defizite anzuführen und daraus eine potentielle Standortgefährdung für die Zukunft abzuleiten. Eine bessere Bestandgarantie für einen Krankenhausstandort als einen vom Land geförderten Neubau in Calw und eine Grundsanierung in Nagold werden Sie im Übrigen in der derzeitigen politischen Gemengelage im Gesundheitswesen nicht bekommen.

 

Ich würde es daher sehr schätzen, wenn Sie Ihre Expertise zukünftig mit in die Fortentwicklung der Medizinkonzeption 2020 und ganz besonders den neuen, modernen Gesundheitscampus CaIw legen würden.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Helmut Riegger

Landrat

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