Geschrieben am 06.10.2017

Brief an Herrn Lucha, MdL am 19.9.2017

Sehr geehrter Herr Minister Lucha,

am 8.12.2016 haben wir Ihnen ein Schreiben zugesandt, in dem wir Ihnen die Wichtigkeit einer garantierten akutmedizinisch-stationären Versorgung der Landbevölkerung im Umfeld des Calwer Kreiskrankenhauses geschildert haben. Wir haben auch auf die verheerenden Auswirkungen hingewiesen, welche die Verlagerung der Orthopädie aus Calw nach sich ziehen würde: Dieser Schritt würde die Wirtschaftlichkeit des Calwer Krankenhauses entscheidend schwächen und damit seine Existenz hochgradig gefährden.

Auf der bürgernahen Veranstaltung in Mainhardt am 4.4.2017 wurden Sie von uns noch einmal mit dem Problem konfrontiert und haben zugesagt, sich den besagten Brief noch einmal anzusehen. Bisher haben wir hierzu von Ihnen nichts vernommen, so dass wir uns angesichts des Ernstes der Lage gezwungen sehen, Sie noch einmal daran zu erinnern.

a) Derzeitige Lage

Der Kreistag des Landkreises Calw, welcher von Abgeordneten aus der Region Nagold dominiert wird, hat beschlossen, dass die Orthopädie aus Calw zukünftig in Nagold angesiedelt wird. Dadurch steigen die Kosten des Umbaus in Nagold immens, welche auch vom Land Baden-Württemberg mitgetragen werden müssen. Wir haben die ernste Befürchtung, dass das geplante Neubauprojekt Calw für den Ersatz des bestehenden Akut-Krankenhauses in Calw den gestiegenen Kosten in Nagold zum Opfer fallen wird.

Viele Kreisräte gehen offen damit um, dass sie sich vor die Alternative gestellt sahen: Entweder stimme ich dem Medizinkonzept 2020 zu oder ich gehe die Gefahr ein, dass es in Calw bald gar keine medizinische stationäre Versorgung der Landbevölkerung mehr gibt. Jetzt gibt es Stimmen, besonders aus der Nagolder Ecke, die nicht einmal mehr zu den Zusagen stehen wollen, die der Landrat in einer Bürgerversammlung mit 1.500 Bürgerinnen und Bürgern in Calw-Stammheim zugesichert hat. Nach dieser Zusicherung ergeben sich folgende Krankheitsbilder, die künftig im Calwer Krankenhaus u.a. behandelt werden sollen:

-    Not– und Unfälle aller Art, Knochenbrüche, Kopf– und Sturzverletzungen

-    Herzinfarkt und Herzkrankheiten, Linksherzkatheteruntersuchung und Gefäßkrankheiten

-    Darmverschluss und –durchbruch, Blinddarmentzündung und Leistenbrüche

-    Intensivmedizinische Behandlung

-    Schlaganfall, Schwindel, Kopfschmerz, Schlafstörung, Demenz, Parkinson

-    Diabetes mellitus, infektiöse Darmerkrankungen, Gallensteine u.v.m.

 

Dafür werden vom Landrat die nachstehenden Abteilungen im neuen Krankenhaus benannt:

-    Klinik für Innere Medizin

-    Kardiologie

-    Gastroenterologie

-    Klinik für Chirurgie

-    Allgemeinchirurgie

-    Unfallchirurgie

-    Klinik für Neurologie

-    Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe

-    Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin

-    Kardiologische Praxis

An Bettenzahlen wird im Schwarzwälder Boten am 12.8.2017 veröffentlicht, dass es in Calw im neuen Gebäudekomplex insgesamt 135 Pflegebetten geben soll: 66 für die Innere Medizin, 9 für die Allgemeinchirurgie, 23 für die Unfallchirurgie und Orthopädie, 25 für den Schwerpunkt Neurologie, 10 für die Frauenheilkunde und 1 für die Hals-Nasen-Ohren-Abteilung. 30 Betten für die gesamte Chirurgie und 10 Betten für die Gynäkologie, in die auch noch die Geburtshilfe integriert werden soll, sind total realitätsfremd. Für derart kleine Abteilungen sind heutzutage weder Ärzte noch Pflegekräfte — gerade auch wegen fehlender Ausbildungsperspektiven — zu gewinnen. Damit wird u. E. das Krankenhaus systematisch funktionsunfähig gemacht. Das Krankenhaus Calw ist jedoch existenziell notwendig, nicht nur für die vielen Patienten im Ländlichen Raum, sondern auch als zentrale Anlaufstelle für das ZfP, die Reha-Kliniken in Schömberg (4) und Bad Liebenzell, das Paracelsus Krankenhaus in Unterlengenhardt, die Römer Klinik in Hirsau und nicht zuletzt für das in Calw stationierte KSK. Nicht erwähnt, aber wichtig, ist, dass sich im Kreiskrankenhaus eine von der Bevölkerung gut angenommene onkologische Sprechstunde entwickelt hat mit einem hervorragenden Onkologen und einem Palliativ-Zimmer, das von privat gesponsert wurde. Ebenfalls wird am Kreiskrankenhaus, integriert in die Neurologie, wirbelsäulennah operiert, z. B. zur Beseitigung einer Spinalkanalstenose an der LWS.

Grundlage des Medizinkonzepts 2020 (Modell 3+) ist ein dubioses Auftrags-/Gefälligkeits-gutachten, welches z. B. behauptet, die Umsiedlung der Orthopädie und der Abzug der elektiven Herzkatheter-Eingriffe aus Calw würde dem Kreiskrankenhaus Nagold ein Plus von fünf Millionen bescheren, mit dem das ebenso einkalkulierte Defizit in Calw aufgefangen werden solle. Diese Sichtweise ist ökonomisch überhaupt nicht haltbar und wird inzwischen auch von vielen Kreistagsabgeordneten kritisch hinterfragt. Ein Kontrollgutachten, welches die Stadt Calw in Auftrag geben wollte, scheiterte daran, dass der Landrat der Stadt keinerlei Daten zur Verfügung stellte. Auch wurde kein umfassendes Plausibilitätsgutachten in Auftrag gegeben, sondern nur der Auftrag zu prüfen, ob systemische Fehler vorliegen. Unter dem Hinweis, dass ca. 25 günstige Bedingungen vorherrschen müssen, sprach das PWC in einer vorläufigen Stellungnahme von sehr ambitionierten Annahmen des Konzeptes, was im Klartext heißt, dass es zum Scheitern verurteilt ist. Das endgültige Gutachten wird nach wie vor unter Verschluss gehalten und ist nicht einmal dem Krankenhausausschuss bekannt!

Der medizinische Sachverstand kommt aber zu einem anderen Ergebnis: In der Chirurgie Calw kann bisher die Bevölkerung allgemein/ unfallchirurgisch ambulant und stationär grundversorgt werden. Dabei ist sie aber personell von der viszeral-chirurgischen Abteilung Nagold abhängig, was problembehaftet ist. Zusammengehalten wird die chirurgische Abteilung Calw durch einen orthopädischen Chefarzt mit entsprechenden Oberärzten und der Möglichkeit von elektiven Eingriffen. Dabei erfreut sich die Abteilung eines hervorragenden Zuspruchs aus der Bevölkerung. Eine Verlagerung der Orthopädie würde die chirurgische Abteilung in Calw sprengen und die Versorgung der Bevölkerung unmöglich machen. Ebenso ist die Innere Abteilung mit Gastroenterologie und interventioneller Kardiologie gut aufgestellt. Allerdings wird dieser seit Neuestem vom Klinikverbund in Übereinstimmung mit den Krankenkassen untersagt, elektive Katheter-Eingriffe durchzuführen. Damit droht auch dieser Abteilung über das Nichterreichen ausreichender Fallzahlen die Zerstörung. Der Landrat Helmut Riegger hat beachtenswerter Weise durchgesetzt, dass die erfolgreiche Gynäkologie und Geburtshilfe in Calw eine Fortsetzung findet. Jetzt scheint man im Klinikverbund eine Methode gefunden zu haben, um auch dieser Abteilung den Garaus zu machen: Über die Personalpolitik durch Nichtbesetzung freier Stellen.

Sehr geehrter Herr Minister: Die Lage in Calw ist sehr ernst. In Mainhardt haben Sie uns versprochen, sich die Entwicklung der Gesundheitsversorgung im Kreis Calw noch einmal genau anzusehen. Sie haben es u. E. in der Hand, ob eine ausreichende Grundversorgung der Bevölkerung im ländlichen Raum des Nordschwarzwaldes flächendeckend erhalten bleibt. Das Krankenhaus Calw ist weder ein „geborener Verlustbringer“, der nach Ihrer Ansicht nicht unterstützt werden sollte, noch ist es ein Krankenhaus, das von der Bevölkerung nicht angenommen wird. Im Gegenteil erfüllt das Calwer Krankenhaus die Forderung des Ministerpräsidenten Kretschmann, dass sich die Bevölkerung der Region vor Ort operieren lässt und damit lebendig dokumentiert, dass sie für die Erhaltung des Krankenhauses eintritt. Dieser Erhalt der Calwer Klinik wird auch von Seiten des Spitzenverbandes der GKV in dem von ihm entwickelten Modell des Kliniksimulators eindeutig belegt. Eine solche Entwicklung können Politiker, die sich die gute Versorgung des Ländlichen Raumes auf ihre Fahnen geschrieben haben, nicht außer Acht lassen.

b) Zukünftige Lage

Schon jetzt hat das Kreiskrankenhaus überproportional mit Personalsorgen zu kämpfen. Der Kreißsaal in Calw bleibt immer wieder wegen Engpässen geschlossen. Die vielgerühmte Solidarität innerhalb des Klinikverbunds Südwest bleibt aus. Durch Honorarkräfte wird das Ergebnis immer mehr ins Negative gezogen. Es besteht der Eindruck, dass die Personalverwaltung in Sindelfingen das Krankenhaus in Calw bewusst hängen lässt. Hintergrund könnte sein, dass der Klinikverbund aktiv die Pläne einer Großklinik auf dem Böblinger Flugfeld unterstützt und mithilft, das Calwer Krankenhaus zu einer Portalklinik dieses Großklinikums herunterzustufen. Unserer Meinung nach muss hier die Landesregierung, insbesondere die Ministerien für Gesundheit und für den Ländlichen Raum regulierend eingreifen.

Das Zentrum für Psychiatrie in Calw mit 437 Betten macht einen Anspruch auf 4 Intensivbetten geltend. Wie will man denn dann mit insgesamt 4 Intensivbetten auskommen? Unter dem Gesichtspunkt der völlig insuffizienten Planung wäre es für die Landesregierung empfehlenswert, doch noch — aus Kostengründen — über einen Standortwechsel des neuen Akutkrankenhauses auf das Gelände der bestehenden Landesklinik Nordschwarzwald nachzudenken. Für den Bereich Schömberg wäre es ebenfalls eine bessere Anbindung und ein eigener Notarztstandort würde aus der Diskussion genommen. Für die Anbindung der verstreut lebenden Menschen im Calwer Wald wäre es ohnehin ein Gewinn.

Es gibt aber eine noch bessere Alternative für einen Krankenhausneubau, nämlich das Gelände unterhalb des bestehenden Krankenhauses, auf dem sich drei Schwesternhäuser und die ehemalige Krankenpflegeschule befinden. Nicht umsonst spekulieren Kreis und Stadt auf den Bau eines neuen Stadtviertels auf diesem Areal. Warum also nicht ein neues, hochmodernes, leistungsfähiges Krankenhaus (mit 180 Betten und mit der Orthopädie) auf dem Gelände, das einem ganzen Stadtviertel Platz bieten soll? Die Vorteile dieser Lösung: Ein stadtnahes Krankenhaus, das wie bisher von beiden Nagoldseiten gleich gut erreichbar ist. Keine Zusatzkosten für die benötigten Grundstücke, die ohnehin größtenteils dem Kreis gehören. Und die medizinische Nachnutzung des alten Krankenhauses bei einem Brückenschlag zwischen Neu– und Altbau: Unterbringung der Verwaltung im Altbau, Erhaltung des Röntgenstandortes, Erhaltung des Therapiezentrums der Physiotherapie, Einrichtung einer Palliativstation, Ausweisung von stationären Kurzzeitpflegebetten und Ansiedlung zusätzlicher Arztpraxen.

Abschließend erlauben wir uns, darauf hinzuweisen, dass das Medizinkonzept 2020 seinen Ausgang in zwei scheindemokratischen Bürgerbeteiligungsprozessen hatte und im weiteren Fortgang durch die wirtschaftlichen Interessen der Region Böblingen (Flugfeld-Klinik) und der Region Nagold (Aufrüstung des Krankenhauses) beeinflusst war.

Dankbar wären wir, wenn Sie sich unter diesen aufgezeigten Aspekten nochmals mit der Entwicklung der Gesundheitsversorgung und der dadurch entstandenen Situation in Calw auseinandersetzen würden.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

gez.                                                     gez.

Dr. med. Ewald Prokein             Dr. med. Eberhard Bantel

stv. Vorsitzender                          stv. Vorsitzender

 

 

Anmerkung der BI:
Wir möchten Sie gerne auf den nachfolgenden Brief in der Rubrik Vereinsmitteilungen an Herrn Minister Hauk aufmerksam machen.

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