Geschrieben am 23.10.2017

Kreißsaal bald wieder die ganze Woche offen

Kliniken — Einschränkungen in Calw gehören ab 1. Oktober der Vergangenheit an / Klinikverbund richtet Hebammen-Springerpool ein

Vier Wochen früher als ursprünglich geplant sind die samstäglichen Einschränkungen im Kreißsaalbetrieb des Calwer Krankenhauses passe. Ab dem 1. Oktober steht das gesamte geburtshilfliche Angebot wieder uneingeschränkt an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr zur Verfügung.

Dies meldete der Klinikverbund Südwest gestern Nachmittag. »Dank des großen Engagements aller Beteiligten in den vergangenen Wochen und Monaten ist es uns gelungen zwei neue Hebammen für den Standort Calw gewinnen zu können und somit die Personalsituation wieder zu normalisieren«. Berichtet der medizinische Geschäftsführer des Klinikverbundes Südwest, Jörg Noetzel.

Er stellte zudem nochmals klar, dass keinem — weder dem ärztlichen Personal noch den Hebammen oder der Verwaltung — die gemeinsam getroffene Entscheidung zu den Samtagsschließungen in der Vergangenheit leicht gefallen sei. »Eine Reduktion des Leistungsangebotes in einer Geburtshilfe ist immer die Ultima Ratio und verständlicherweise sehr emotional besetzt. Letztendlich aber steht immer die Sicherheit von Mutter und Kind im Mittelpunkt, parallel ist es sehr wichtig, das Wohl der Mitarbeiter im Auge zu behalten.« In allen Kreißsälen des Klinikverbunds Südwest werde mit enormem Einsatz gearbeitet. Aufgrund der hohen Belastung und mehrerer nicht mehr abzudeckender Schichten, so Noetzel, habe man deshalb in enger Abstimmung mit den Mitarbeiterinnen des Kreißsaales in Calw vorübergehend das Leistungsangebot reduzieren müssen — und zwar an einem Tag, an dem erfahrungsgemäß weniger Geburten zu erwarten seien.

Um erneuten kurzfristigen personellen Engpässen noch besser begegnen zu können, arbeitet der Klinikverbund Südwest bereits seit mehreren Monaten an der Etablierung eines verbundweiten Springerpoolkonzeptes. »Bereits jetzt konnten wir dank der Verbundstruktur den personellen Engpass in Calw zumindest teilweise abfedern. Ohne die bereitwillige Unterstützung der Hebammen aus dem Landkreis Böblingen, in diesem Falle aus Herrenberg, wäre sicher mehr als nur eine Wochenendeinschränkung zu befürchten gewesen und die Rückkehr zum 24/7‑Betrieb schon im Oktober auch nicht möglich gewesen«, unterstreicht Noetzel die gute standort- und landkreisübergreifende Zusammenarbeit. »Letztendlich kämpfen aber auch unsere größeren geburtshilflichen Standorte wie Böblingen oder Herrenberg Tag für Tag mit dem bundesweiten Hebammenmangel.«

Aktuell bleiben Hebammen bundesweit im Schnitt lediglich rund vier bis fünf Jahre in ihrem angestammten Beruf, und rund jede fünfte Klinik in Deutschland hat massive Probleme, alle Hebammenstellen zu besetzen, darunter selbst Maximalversorger in den großen Ballungszentren, wie es in der Pressemitteilung des Klinikverbunds heißt. Allein in der Region seien in den vergangenen zwölf Monaten neben Calw unter anderem die Kreißsäle in Mühlacker, Freudenstadt, Bruchsal und Bühl (Baden-Baden) zeit- oder blockweise geschlossen gewesen.

Neuer dreijähriger Ausbildungsgang zur Hebamme

Perspektivisches Planziel ist es laut Noetzel beim Klinikverbund, mit drei weiteren, zusätzlichen Hebammenstellen einen flexiblen Springerpool zu etablieren, um Schwangerschaften, Kündigungen oder längerfristige Erkrankungen künftig noch besser kompensieren zu können. Dafür rechnet der Verbund mit zusätzlichen Kosten für seine Träger, die Kreise Calw und Böblingen, von bis zu 200000 Euro jährlich. »Hier ist weder eine Refinanzierung durch die Krankenkassen möglich, noch eine monetäre Unterstützung seitens des Landes in Sicht«, so Noetzel, der aber zu bedenken gibt: “Die Bereitschaft, Stellen zu schaffen ist das eine, die dafür zusätzlich benötigten Hebammen auf dem leergefegten Arbeitsmarkt zu bekommen, nochmal eine ganz andere.«

Um den künftigen Bedarf an Hebammen weiter decken zu können, bietet der Klinikverbund Südwest daher parallel zur intensiven, bundesweiten Personalakquise zusammen mit seiner verbundeigenen Schule für Gesundheitsberufe in Böblingen seit April dieses Jahres erstmalig einen eigenen dreijährigen Ausbildungsgang zur Hebamme respektive zum Entbindungspfleger an. In Kooperation mit der Universitätsklinik Ulm, an deren Akademie die theoretische Ausbildung angeboten wird, werden somit bis 2019 parallel 12 Auszubildende für den Hebammenberuf im Klinikverbund tätig sein, ab 2020 sollen dann Jahr für Jahr vier Hebammen ihre Ausbildung abgeschlossen haben. »Für diesen Ausbildungsgang erhalten unsere Auszubildenden zusätzlich zur Ausbildungsvergütung einen Fahrt- oder Mietkostenzuschuss, da die Hebammenschulen in der Region leider aufgrund des drängenden Eigenbedarfs der jeweiligen Kliniken nicht bereit waren, uns Ausbildungsplätze abzutreten «, erläutert Noetzel die Hintergründe des neuen Ausbildungskonzeptes. »In der Folge prüfen wir aktuell die Möglichkeit, eine eigene Hebammenschule zu eröffnen und damit die Anzahl der Auszubildenden noch weiter steigern zu können.«

Trotz aller Bemühungen bleibe der Mangel an Hebammen aber bundesweit und damit auch für den Klinikverbund ein Thema. Deshalb will man beim Klinikverbund auch kein Versprechen abgeben:

Eine garantierte Sicherheit, dass der Fachkräftemangel in unseren Kliniken nicht eintritt, können wir — bei allem Verständnis für politische und gesellschaftliche Forderungen — nicht geben. Das wäre nicht seriös«, stellt Noetzelklar. »Aber klar ist, dass schon seit Längerem alles unternommen wird, um einerseits auftretende Lücken zu schließen und andererseits perspektivisch in Zukunftslösungen zu investieren«, sagt Noetzel.

 

Schwarzwälder Bote, Nordschwarzwald, vom 28.9.2017

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