Geschrieben am 25.04.2018

Kreistag beschließt Medizinkonzeption 2021

Klinik-Debatte — Kosten steigen wegen zusätzlicher Betten und Leistungen um fast das Doppelte/ Spatenstich für Calwer Haus 2019?

Neubau und Campus in Calw sowie die Generalsanierung in Nagold können kommen: Bei zwei Enthaltungen und einer Gegenstimme hat der Calwer Kreistag dem Medizinkonzept 2021 zugestimmt. Die Pläne, die nun umgesetzt werden sollen, kosten aber deutlich mehr, als ursprünglich vorgesehen.

Kreis Calw.

Das öffentliche Interesse war am Montagnachmittag groß: Etliche Bürger waren ins Calwer Landratsamt gekommen, um der Sondersitzung des Kreistags beizuwohnen. Eigentlich kein Wunder – ging es doch um nicht weniger als die Zukunft der Kliniken im Kreis Calw. Ein Thema, das seit Monaten und Jahren vor allem die Einwohner von Calw und Umgebung umtreibt.

Nun wurde das Gesamtpaket geschnürt und auf den Weg gebracht – samt der 24-Stunden-Versorgung bei Schlaganfällen, Herzinfarkten und in der Unfallchirurgie sowie des Erhalts der Hauptabteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie.

Landrat Helmut Riegger nannte die Entscheidung des Kreistags, das Medizinkonzept 2021 umzusetzen, im Gespräch mit unserer Zeitung einen »Beschluss mit großer, großer Tragweite«. Zu Beginn der Sitzung des Kreistags hatte er erklärt, bei dieser Medizinkonzeption gehe es »nicht um persönliche Interessen Einzelner«, sondern um eine Versorgung für Bürger des gesamten Kreises. »Dieser Blick scheint mir gerade bei einigen in Calw manchmal abhanden gekommen zu sein«, sagte er mit Blick auf die mitunter heftige Kritik und die Debatten vor allem der vergangenen Monate. Es sei die Zeit gekommen, nach vorne zu schauen und in die Umsetzung des Konzepts einzusteigen. Der Kreistag müsse dabei unter medizinischen, finanziellen und auch strukturpolitischen Gesichtspunkten entscheiden.

Eine Einheit
Im Klartext: Im ländlichen Raum sei nicht nur auf eine angemessene Versorgung sowie stemmbare Kosten, sondern auch auf die besonderen Gegebenheiten vor Ort zu achten. Deshalb sei die politische Entscheidung für ein Krankenhaus an zwei Standorten statt an einem gefallen. Dabei betonte er einmal mehr, dass die beiden Kliniken in Calw und Nagold als Einheit und nicht als Konkurrenten betrachtet werden müsse. »Das wird von vielen immer unter den Teppich gekehrt«, so der Landrat. Nun sei es wichtig zu handeln und die Fördermittel des Sozialministeriums in Anspruch zu nehmen, bevor es andere tun.

Jörg Noetzel, der medizinische Geschäftsführer des Klinikverbund Südwest, gab einen Einblick in die Medizinkonzeption 2021. Mit Blick auf Fachkräftemangel, Bestrebungen, die Krankenhauslandschaft zu konzentrieren, geforderte Fallzahlen sowie steigende Kosten, erklärte er, wie wichtig es sei, dass Kliniken Schwerpunkte und jeweils eigene Profile aufweisen müssten, um den Anforderungen gerecht werden zu können. Jene Anforderungen sowie die Rahmenbedingungen würden dabei in der Regel auf Bundes– oder Landesebene festgelegt; kommunale Träger und Gremien hätten darauf kaum oder gar keinen Einfluss. Es sei wichtig, Kompetenzen an verschiedenen Standorten zu bündeln, um diese jeweils aufzuwerten. Mit Nagold als Schwerpunktkrankenhaus sowie dem Campus in Calw könne dies gelingen. Die Bettenzahlen, die sich für Nagold auf 260 bis 270 und in Calw auf 140 bis 160 (plus weitere Betten im Rahmen des Campus) belaufen, seien derzeit noch ungefähre Größen, die sich am Bedarf der Patienten orientieren. Die genaue Ausgestaltung des neurologischen Dienstes sowie die Bandbreite der Basis-Unfallchirurgie gelte es noch genauer zu definieren.

155 statt 80 Millionen
Regelrecht explodiert sind mittlerweile übrigens die Kosten für das Klinikkonzept: Die Sanierung des Nagolder Hauses soll rund 85 Millionen Euro statt der angepeilten 40 Millionen kosten, der Neubau in Calw wird 70 statt 40 Millionen verschlingen. Darüber zeigte sich unter anderem Kreisrat Ulrich Bünger bestürzt. Die Baukosten seien »wie Hefeteig im Sommer auf der Fensterbank« aufgegangen. Riegger erläuterte dazu jedoch, dass bei den Investitionen, wie sie im GÖK-Gutachten aufgelistet waren, vieles nicht berücksichtigt wurde, was nun hinzugekommen sei. Damals habe man unter anderem mit nur 105 Betten für Calw kalkuliert (pro Bett sei mit Kosten von rund 400 000 Euro zu rechnen) sowie mit Drei– statt Zwei-Zimmer-Betten für Nagold. So ließen sich die gestiegenen Kosten (von rund 80 Millionen auf etwa 155 Millionen Euro gesamt) erklären. Davon würden, so Riegger, jedoch erhebliche Summen gefördert. So übernehme das Land für Nagold rund 30, für Calw bis zu 55 Prozent der Kosten.

Insgesamt werden bis zu sieben Millionen Euro pro Jahr für die Kliniken fällig. Fünf Millionen für die Tilgung der Investitionskosten samt Zinsen, ein Defizit von zwei Millionen für den Betrieb der Kliniken. Angesichts der zusätzlichen Angebote, die im Laufe der Entwicklung des Konzepts hinzugekommen seien, habe man sich von der schwarzen Null verabschieden müssen, so Noetzel.

Der Landrat sowie zahlreiche Kreisräte appellierten an die Bevölkerung, die Angebote der Kliniken künftig zu nutzen und so das Konzept zu unterstützen.

Der Zeitplan ist indes sportlich: Bereits im Frühjahr 2019, schätzt Riegger, könnte der Spatenstich für das neue Calwer Krankenhaus erfolgen.

Endlich gibt es eine Entscheidung: Der Calwer Kreistag hat beschlossen, das Medizinkonzept 2021 umzusetzen – inklusive 24-Stunden-Notfallversorgung in Calw. Sicher, die Kostensteigerung ist enorm. Mit rund 155 Millionen Euro muss knapp doppelt so viel wie ursprünglich gedacht investiert werden. Dafür sind Bettenanzahl und Leistungen an den Standorten gewachsen. Dennoch bleiben Risiken: Was, wenn sich die Rahmenbedingungen für Krankenhäuser auf Bundes– oder Landesebene ändern? Oder die Defizite steigen? Das kann heute niemand wissen. Sicher ist aber eines: Keine Entscheidung, egal wie gut durchdacht, ist risikofrei. Insofern war es richtig, die Zeit des Zauderns zu beenden und zu handeln. Nun gilt es, dass alle Beteiligten – Patienten, Politik und Klinikmitarbeiter – an einem Strang ziehen. Dann kann das Konzept zum Erfolg werden.

(rk) Neben der Medizinkonzeption 2021 stellte der Kreistag am Montagnachmittag auch weitere Weichen für die Zukunft der Kliniken. So beschloss das Gremium unter anderem, die Entwurfsplanung und Kostenberechnung für die Generalsanierung und Erweiterung des Nagolder Hauses zu genehmigen, einen Architekten für den Neubau der Calwer Klinik zu beauftragen sowie das Grundstück für den geplanten Gesundheitscampus zu erwerben. Darüber sowie über die Diskussionsbeiträge der Kreisräte im Einzelnen werden wir noch berichten.

Von Ralf Klormann
Schwarzwälder Bote, Teil Nordschwarzwald vom 24.4.2018
(Hier können Sie den Artikel downloaden.)
Schwarzwälder Bote, Teil Nordschwarzwald vom 24.4.2018, Seite 21

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