Geschrieben am 22.12.2018

Verbund trennt sich von Chefarzt in Nagold

Kliniken — »Unterschiedliche Auffassungen zu Qualitätsstandards« / Stefan Benz übernimmt kommissarische Leitung

Bereits Mitte November hat sich der Klinikverbund Südwest vom bisherigen Chefarzt der Nagolder Klinik für Allgemein-, Viszeral– und Gefäßchirurgie mit Unfallchirurgie getrennt. Hintergrund seien »unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf geltende interne Qualitätsstandards«.

Nagold. Im Detail soll es um »Ungereimtheiten bei der Dokumentation von Operationen« gehen, die der Chefarzt selbst am Klinikum Nagold ausgeführt haben soll, so der medizinische Geschäftsführer des Klinikverbunds Südwest, Jörg Noetzel, in einem Hintergrundgespräch mit dieser Zeitung. In einer parallel dazu verteilten schriftlichen Erklärung heißt es, der Klinikverbund Südwest lege im Sinne seiner Patienten »sehr hohe Qualitätsstandards an die Behandlungs-, aber auch Dokumentationsqualität« an.

Um diese Qualität dauerhaft zu sichern, sei ein »offener, transparenter Umgang in der Nachbetrachtung und Analyse von Fällen« unabdingbar. Die Basis dafür seien wiederum »akkurat geführte Patientenakten inklusive der zugehörigen OP-Berichte«. Gerade von der obersten medizinischen Führungsebene werde daher »ein maximales Maß an Sorgsamkeit und Kooperation erwartet«. Aufgrund der aktuellen Sachlage hätten sich bezüglich der Zusammenarbeit mit dem bisherigen Chefarzt der Chirurgie, der seit Anfang 2015 an der Nagolder Klinik beschäftigt war, »unüberbrückbare Differenzen gebildet«, so dass sich die Geschäftsführung in enger Abstimmung mit den Nagolder Chefarztkollegen gezwungen gesehen habe, »den Weg der Trennung zu gehen«. Sowohl der Betriebsrat als auch der Aufsichtsrat der Kreiskliniken Calw gGmbH hätten sich bereits in Sondersitzungen einvernehmlich für dieses Vorgehen ausgesprochen.

Wie der medizinische Geschäftsführer im Klinikverbund Südwest, Noetzel – selbst gelernter Chirurg – dazu auf Nachfrage erläutert, würden »kritische Operationen« standardmäßig mit den verantwortlichen und beteiligten Ärzten und der Klinikleitung in Rahmen einer fachlichen Erörterung aufbereitet. Das sei das »übliche und ordentliche Vorgehen« in solchen Fällen. Die dabei vom bisherigen Chefarzt vorgelegten Dokumente hätten bei genauerer Betrachtung nicht den »erwarteten Standards« entsprochen. Die Reaktion der Klinikleitung sei »früh« und »niedrigschwellig« erfolgt, im Sinne höchster qualitativer Standards in der Patientendokumentation. Noetzel bestätigt, dass der betroffene, ehemalige Nagolder Chefarzt seine fristlose Kündigung nicht akzeptiert habe und nun ein Verfahren in dieser Sache vor dem Arbeitsgericht anhängig sei. Ein sogenannter Gütetermin, bei dem versucht wird eine einvernehmlich Einigung zwischen den Parteien herzustellen, sei bereits terminiert.

Für die Patienten ergeben sich derzeit trotz der Chefarztvakanz an der Chirurgie des Nagolder Klinikums »dank des eingespielten Teams« aktuell keinerlei Einschränkungen in dem bisherigen gewohnten und umfangreichen medizinischen Leistungsspektrum. Mit den in Nagold beschäftigten leitenden Oberärzten Armin Seeger und Kai Roy sowie den Oberärzten Hans-Peter Fischer und Adelbert Duit seien langjährige und fachlich sehr versierte Viszeral-, Unfall-, und Gefäßchirurgen mit der Patientenversorgung betraut, die die Versorgung der Patienten wie gewohnt sicherstellten. Kai Roy habe zudem seit Beginn der Vakanz der Chefarzt-Stelle die kommissarische Leitung der chirurgischen Klinik inne.

Standortübergreifend im Sinne des Verbundcharakters im Klinikverbund Südwest unterstütze zudem momentan der Chefarzt der Böblinger Allgemeinchirurgie, Stefan Rolf Benz, im Rahmen einer wöchentlichen Visite die Kollegen in Nagold. Als ehemaliger Chefarzt am Nagolder Klinikum und Vorgänger des jetzt geschassten Klinikleiters genieße Benz »sowohl bei den Mitarbeitern als auch Patienten nach wie vor einen exzellenten Ruf«.

In den Aufsichtsratsgremien wurde daher aktuell darüber beraten, Benz in der weiteren Übergangszeit die kommissarische Leitung der Nagolder Chirurgie zu übertragen. Der Aufsichtsrat der Kreiskliniken Calw gGmbH habe diesem Vorgehen bereits in der vergangenen Woche zugestimmt. Der Aufsichtsrat der Kreiskliniken Böblingen gGmbH hat dem Vorgehen am Mittwoch einstimmig seinen Segen erteilt.

Unabhängig davon sei geplant, die vakante Stelle des Chefarztes an der Nagolder Chirurgie in Absprache mit dem Aufsichtsratsgremium möglichst zeitnah neu zu besetzen.

Was, so Jörg Noetzel, aber nicht so ganz einfach werden dürfte. Nach dem Weggang von Stefan Rolf Benz als Chefarzt der Nagolder Chirurgie Anfang 2014 war diese Position schon einmal längere Zeit vakant. Damals gelang es erst im zweiten Anlauf, einen Nachfolger für Benz, »der große Fußstapfen hier hinterlassen hat« (Noetzel), zu finden. Ein designierter Chefarztkandidat aus einem ersten Bewerberauswahlverfahren hatte dem Klinikverbund Südwest damals kurz vor Amtsantritt überraschend einen Korb gegeben. Letztlich blieb die Stelle schon damals ein Jahr lang unbesetzt. Die Klinik für Allgemein-, Viszeral– (»innere Organe«) und Gefäßchirurgie mit Unfallchirurgie in Nagold hat im Jahr 2017 insgesamt 2882 stationäre Patienten behandelt sowie 11782 ambulante Behandlungskontakte.

Die Hochrechnungen für das aktuelle Jahr bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen, mit knapp 3000 stationären und rund 12 000 ambulanten Behandlungen. Zum Vergleich: Insgesamt hatten die Kliniken Nagold 2017 knapp 11 000 stationäre Patienten sowie rund 51 000 ambulante Behandlungen.

Von Axel H. Kunert
Schwarzwälder Bote, Teil Nordschwarzwald vom 20.12.2018

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