Geschrieben am 26.08.2019

Worin liegt die Strategie?

BETRIFFT: Calwer Krankenhausdebatte

Die Fragen des Leserbriefs von Frau Kröner vom 25. Juni über die Zukunft der Calwer Klinik beschäftigen viele Menschen im Landkreis. Versuchen wir, sie vom vorliegenden Sachverhalt hier zu beantworten.

Das Krankenhaus der Großen Kreisstadt Calw bietet heute ein meiner Meinung nach hohes medizinisches Niveau, versorgt den ländlichen Raum, ist von der Bevölkerung sehr gut angenommen und gibt ihr eine gewisse Geborgenheit.

Die Städte Sindelfingen und Böblingen haben den Neubau eines Großkrankenhauses beschlossen. Es ist meines Erachtens überdimensioniert, weil es die medizinische Versorgung auch der entfernt liegenden Kreisstadt Calw mit dessen ländlichem Umfeld beansprucht. Das liegt meiner Ansicht nach im Trend der neoliberalen Profitwirtschaft auch im Gesundheitswesen.

Wie werden die diametral entgegengesetzten Interessen staatlicherseits gelöst? Das »alte« – regelmäßig sanierte – Calwer Krankenhaus sollte einschließlich seines neuen Teils mit allen modernen OP-Sälen abgerissen werden. Als Ersatz war ein Mini-Neubau mit Einschichtbetrieb von 8 bis 17 Uhr projektiert.

Eine Bürgerinitiative sowie die unerwartete Expertise von mehr als 200 Medizinern zwingen den Staat zu Zugeständnissen. Das Misstrauen gegenüber den zuständigen staatlichen Protagonisten, Landessozialminister Manne Lucha (Grüne) und den Calwer Landrat Helmut Riegger, ist groß: Öffentlich geben sie sich so, als sei durch Nachverhandlungen alles zur Zufriedenheit gelöst. Tatsächlich beobachte ich, dass sie auf wesentliche Punkte keine Antwort geben und zusätzliche Hürden aufbauen. Dabei verweise ich unter anderem auf den Leserbrief des Herrn Prokein, vom 16. Mai.

Der Landrat handelt nach eigener Aussage »strategisch und strukturell«. Worin liegt seine Strategie?

Einerseits baut Riegger das Krankenhaus in Nagold an der äußersten Kreisgrenze für derzeit rund 85 Millionen Euro aus und entzieht mit dieser Priorität Finanzmittel für eine zentrale Klinik im Kreis Calw. Der Mini-Neubau in der Stadt Calw ist mit 60 Millionen Euro gedeckelt. Warum ein neues Gebäude unter diesen Bedingungen? Mir ist keine Planung für einen Krankenhausneubau in Deutschland mit einem solchen Leistungsprofil bekannt oder auch nur denkbar.

Andererseits erkennen wir die wachsende Überalterung unserer Gesellschaft. Das ehemalige Horber Krankenhaus ist bereits heute nur noch eine geriatrische Klinik. Das neue Mini-Krankenhaus in Calw ist ausdrücklich auch für eine andere Nutzung konzipiert, die meiner Prognose nach eintritt, sobald das Sindelfinger Großklinikum seine Arbeit aufnimmt. Andernfalls müsste sich der Kreis Calw bereits heute intensiv seines geriatrischen Zukunftsproblems annehmen, was urplötzlich nicht mehr der Fall ist. Und die Stadt Sindelfingen verlässt sich mit ihren Planungsansätzen auf ihren Bürger und ehemaligen ersten Bürgermeister Riegger.

Der Abbau einer erfolgreichen Klinik lässt sich über Generationen hinaus nicht korrigieren. Die Herren Lucha und Riegger übertünchen das meiner Überzeugung nach mit den oben genannten Winkelzügen. Gleiche Lebensverhältnisse im Lande gemäß Grundgesetz und gleichzeitige Förderung von Profitgier gemäß neoliberaler Ideologie sind für mich unvereinbar.

Henning Külz | Calw
Schwarzwälder Bote, Teil Calw und Umgebung vom 3.9.2019

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