Geschrieben am 18.12.2019

Der Knopf ist dran

Calwer Kreistag hat den 63 Millionen Euro teuren Neubau des Calwer Krankenhauses auf den Weg gebracht

Am Ende war es doch noch eine schwere Geburt: Der Calwer Kreistag hat die Baufreigabe für das neue, 63 Millionen Euro teure Calwer Krankenhauses erteilt. Nach einer mehr als einstündigen Debatte war dem Ersten Landesbeamten Frank Wiehe aber der Geduldsfaden gerissen.

Kreis Calw. »Wir müssen endlich mal den Knopf dran machen. Es ist unglaublich, wie lange hier über so was diskutiert wird«, sagte ein sichtlich genervter Landratsstellvertreter, nachdem Kritik aus dem Kreistag an dem Projekt nicht abebben wollte und Kreisräte aller Couleur, unterm Beifall anwesender Mitglieder der Calwer Bürgerinitiative, weitere Nachbesserungen gefordert hatten. »In der Zeit ziehen uns andere davon«, erklärte Wiehe.

Zuvor hatte der Stuttgarter Architekt Malte Hofmeister das Projekt mit seinen 22 487 Quadratmeter Geschossfläche nochmals dem Kreistag vorgestellt. Neu aufgenommen wurde in dem 154-Betten-Haus auf Wunsch der Chefärzte der Calwer Klinik die bis dato nicht vorgesehene Kühlung der Patientenzimmer, die mit weiteren 2,7 Millionen Euro zu Buche schlägt. Damit erhöhen sich die Baukosten auf 63,6 Millionen Euro – umgerechnet 412 000 Euro pro Bett. Laut Kreiskämmerer Reusch »bundesweiter Benchmark«, also Top-Wert.

Doch genau diese Kostenkalkulation ist von mehreren Kreisräten angezweifelt worden. So auch von Otakar Zoufaly (Freie Wähler), der aber dann doch lieber den »Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach« wählte, auch wenn er in der Rückschau eine Einhäusigkeit für »wirtschaftlicher und nachhaltiger« gehalten hätte. Auch sein Fraktionskollege Martin Handel, selbst Chefarzt in der Calwer Klinik, forderte Nachbesserungen für sein Haus. Die Bettenzahl sei viel zu klein, befand er: »Da muss eine Station aufgestockt werden.« Ins selbe Horn stieß Eberhard Bantel, der unter dem Applaus der BI-Zuhörer Landrat Helmut Riegger an seine Zusage erinnerte, in Calw ein Notfallversorgungszentrum einzurichten.

Der Kreischef selbst sprach von einem »super modernen Krankenhaus«, das hier auf der Stammheimer Höhe gebaut werde und den Patienten eine bestmögliche Versorgung biete. Riegger wurde aber noch deutlicher: »Ohne den Neubau hätten wir in Calw gar nichts. Wenn wir das Thema Campus nicht so forciert hätten, weiß ich nicht, ob wir diese zwei Klinikstandorte durchgebracht hätten.«

Kritik von mehreren Seiten kam auch an der geplanten Verlagerung der zentralen Sterilgutversorgungsabteilung von Calw nach Nagold auf. Martin Loydl, Geschäftsführer des Klinikverbundes Südwest, verteidigte diese Planungen. Dies sei eine Frage der Logistik: »Wichtig ist, dass es funktioniert.« Und in Nagold sei es baulich eben günstiger umzusetzen.

Schließlich drängte Landrat Riegger zur Abstimmung. Bei vier Enthaltungen ohne Gegenstimme wurde der Calwer Klinikneubau abgesegnet. Sein Plazet gab der Kreistag auch für die zusätzlichen 5,7 Millionen Euro, die für die Kühlung der Patientenzimmer im Nagolder Krankenhaus ausgegeben werden.

Dafür hatte der Landrat aber gute Nachrichten aus dem Sozialministerium parat. Bislang ging man bei der Klinikerweiterung in Nagold von einer 30-prozentigen Förderung des Landes aus. Diese wird, dank einer »reifen Verhandlungsleistung« der Kreisspitze, wie SPD-Kreisrat Rainer Prewo lobend befand, im ersten Bauabschnitt auf 50 Prozent aufgestockt. Heißt: Von den 44 Millionen Euro zahlt das Land nun die Hälfte. Die zehn Millionen Euro mehr, die dadurch in die Kreiskasse fließen, seien »echtem Teamwork« zu verdanken, sagte der Landrat, in Landes– und Bundesministerien bekannt für sein hartnäckiges Verhandlungsgeschick.

Doch diese guten Nachrichten hatten die Mitglieder der Calwer Bürgerinitiative nicht mehr mitbekommen, weil sie zuvor – sehr zum Ärgernis des Kreischefs – großteils den Sitzungssaal verlassen hatten: »Das finde ich nicht in Ordnung«, befand Riegger, »wenn’s um Nagold geht, interessiert’s einen nicht mehr.«

Was CDU-Fraktionschef Jürgen Großmann wiederum mit der nüchternen Feststellung quittierte: »Dankbarkeit ist in der politischen Welt keine feste Kategorie.«

Manche Dinge kann man sich nur im Öffentlichen Dienst erlauben. Man staunt, dass ein amtierender Chefarzt wie Martin Handel als Kreisrat nicht als befangen vom Sitzungstisch abrücken muss, wenn es um die Zukunft der eigenen Klinik geht. Dass er sich zudem – intern wie öffentlich – als Kritiker der Calwer Klinikpläne profiliert, mag der besonderen Freiheit der Andersdenken im Kreistag geschuldet sein. In der freien Wirtschaft hätte er als Führungskraft mit dieser exponierten Haltung zum eigenen Haus ein Problem. Aber diese Geplänkel gehören mit dem Baubeschluss zum Glück der Vergangenheit an. Dass sich der Kreis mit diesen Mammutaufgaben nicht übernimmt, ist dem Landrat zu verdanken, der für Kliniken und Hessebahn zig Millionen Euro Förderung zusätzlich vom Land loseiste. Dieser Mann ist für den klammen Kreis ein Segen.

Von Roland Buckenmaier
Schwarzwälder Bote, Teil Nordschwarzwald vom 18.12.2019

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