Geschrieben am 04.05.2020

Krankenhaus: BI fordert Optimierungen

Gesundheitscampus — Bürgerinitiative legt Positionspapier mit Vorschlägen vor / Calws OB Florian Kling begrüßt den Vorstoß

Knapp zwei Wochen ist es her, dass der Verwaltungsausschuss des Kreistags nach Jahren der Diskussion und Planung konkrete Baumaßnahmen für den Gesundheitscampus Calw auf den Weg gebracht hat. Die Bürgerinitiative Krankenhaus Calw freut sich über diesen wichtigen Schritt, sieht aber auch Optimierungsbedarf.

Calw. Es sind außergewöhnliche Zeiten: Die Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff, flächendeckende medizinische Versorgung ist wichtiger denn je. Die Struktur im Kreis Calw mit Krankenhäusern in Calw und Nagold bewährt sich. Das sah nicht nur der Verwaltungsausschuss des Kreistags so, der jüngst die erste Baufreigabe für den Gesundheitscampus Calw erteilte. Auch die Bürgerinitiative (BI) Krankenhaus Calw bekräftigt, dass sich gerade in der Krise erwiesen habe, wie wichtig es sei, rund um die Uhr zwei Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung im Kreis zu betreiben.

»So wurde das Krankenhaus in Calw zur ersten Speerspitze des Landkreises im Kampf gegen das Corona-Virus. Die Anzahl der Erkrankungen brachte es jedoch mit sich, dass sich nun beide Krankenhäuser erfolgreich um die Patienten des Landkreises kümmern«, heißt es in einer Stellungnahme der BI. Und es sei »der Einsicht und dem Weitblick von Landrat Riegger zu verdanken, dass in Calw mit dem Gesundheitscampus und dem dazugehörenden Krankenhausneubau ein Vorzeigeobjekt entsteht«.

Nachdem Schutzmaßnahmen die Ausbreitung des Virus bremsen konnten, sei in den Krankenhäusern nun auch ein bedingter Übergang zum Regelbetrieb – also geplante Operationen und Untersuchungen – ohne Gefährdung der Patienten wieder möglich. Für Calw bedeute dies insbesondere die Wiederaufnahme der Operationstätigkeit im Bereich der Orthopädiechirurgie.

Für die künftige medizinische Versorgung im Landkreis sieht die BI jedoch Optimierungsbedarf – nicht nur in Bezug auf den Neubau in Calw, sondern auch hinsichtlich der Versorgungsstruktur. »Ein wichtiger Baustein ist in Anbetracht des Hausärztemangels der Gesundheitscampus, der nun mit Inhalten zu füllen ist«, schreibt die BI. In einem Positionspapier, das unserer Zeitung vorliegt, tragen die Verantwortlichen ihre Forderungen vor.

So müsse beispielsweise rund um die Uhr die Versorgung von Herzinfarkten und Schlaganfällen auch in Calw sichergestellt bleiben – bei beiden Erkrankungen zähle jede Minute. Ferner dürfe das Behandlungsspektrum der Kardiologie nicht zugunsten von Nagold eingeschränkt werden. »Schließlich gilt auch für Calw der Grundsatz, dass der Notfall eine Routine voraussetzt«, argumentiert die BI. Andernfalls könnten Qualität und Wirtschaftlichkeit leiden. Einen Kritikpunkt stellt zudem die Verlegung der Stroke-Unit zur Behandlung von Schlaganfällen nach Nagold dar. Die beste Lösung sei hier, eine solche spezialisierte Abteilung an beiden Standorten vorzuhalten – möglicherweise mit einem Chefarzt in Nagold und der Betreuung von Patienten in Calw durch Ärzte vor Ort.

Sorge bereitet der BI auch, wie der Landkreis künftig seinen Versorgungsauftrag im Enztal erfüllen kann. Dort wird ein interdisziplinäres Medizinisches Versorgungszentrum mit einer Portalklinik der Kreiskliniken Calw-Nagold unter der Führung der Kliniken Calw gefordert.

Eine Schwerpunktbildung von Unfall- und Orthopädiechirurgie »zu Lasten von Calw« in Nagold lehnt die BI ab. Stattdessen schlagen die Verantwortlichen eine Unfallchirurgie in Nagold unter der Leitung des Calwer Chefarztes vor. Zudem müsse die Sterilisation in Calw verbleiben. Auch ein Therapiezentrum, um Patienten nach Operationen zu mobilisieren, solle erhalten bleiben.

Hinsichtlich der Geburtshilfe sei es von Nachteil, dass die Abteilung mit der Schmerztherapie geteilt werden soll. Diese Teilung verhindere eine »notwendige und auch sinnvolle Erhöhung der Geburtenzahlen«. Daher gelte es, hier weitere Betten zu schaffen.

Mit Blick auf eine jederzeit wieder mögliche Pandemie fordert die BI eine Intensivstation mit mindestens acht Intensiv- sowie acht IMC-Betten (Bindeglied zwischen Intensiv- und »Normal«-Betten).

Insgesamt sieht die BI den Bedarf, die Bettenzahl für den Neubau zu erhöhen. Der Landkreis Calw verzeichne derzeit einen Bevölkerungszuwachs von sechs Prozent im Jahr. Darüber hinaus seien auch für den Fall weiterer Pandemien räumliche Reserven nötig. Es werde noch mindestens eine weitere Station gebraucht. Eine spätere Erweiterung, die modular möglich wäre, verursache dagegen erhebliche Mehrkosten. »Dies ist die Verschwendung von Steuergeldern, wenn die notwendige Erweiterung absehbar ist«, heißt es in dem Schreiben.

Da ambulante Operationen in Zukunft immer wichtiger würden, brauche es auch im Neubau einen abgetrennten Warte- und Aufenthaltsbereich für Patienten und Angehörige.

Um zudem für Personal attraktiv zu sein, fordert die BI nicht zuletzt eine eigene Kindertagesstätte, die die Besonderheiten eines Schichtbetriebs abdecken kann. Ferner sei ein Personalwohnheim notwendig.

Calws Oberbürgermeister Florian Kling begrüßt indes den Vorstoß der BI. »Damit haben wir auch aus medizinischer Sicht eine Einschätzung und einen Forderungskatalog, der im Hinblick auf den neuen Gesundheitscampus in Calw berücksichtigt werden sollte«, so Kling. In der Corona-Krise seien alle sehr froh gewesen, dass der Trend zur Zentralisierung von Krankenhäusern in Calw noch nicht angekommen sei und zudem die Anzahl der Intensivbetten in beiden Häusern verdoppelt wurden. »Ich bin dem Gesundheitsamt und dem Klinikverbund sehr dankbar, dass wir jetzt ein Gesundheitssystem haben, das derzeit als ausreichend für die Pandemie angesehen werden kann«, erklärt der OB. Es zeige sich, dass der Landkreis mit der Doppelhäusigkeit an zwei Standorten richtig gefahren sei.

Klar sei auch, »dass es nicht dazu kommen darf, dass bei medizinischen Notfällen, in denen jede Sekunde zählt, der Krankenwagen erst am nächstgelegenen Krankenhaus vorbeifahren darf, um zu einem viel weiter entfernten Krankenhaus mit Notfallausstattung fahren zu müssen«. Ausstattung und geplante Abteilungen müssten daher nochmals genau unter die Lupe genommen werden. »Hier darf es nicht allein um die Bettenzahl gehen, die durchaus sehr wichtig ist, aber vor allem auch darum, welche Patienten in diesen Betten am Ende bestmöglich behandelt werden können«, sagt Kling.

Eine attraktive medizinische Versorgung sei darüber hinaus ebenso wichtig wie attraktive Arbeitsplätze. Der OB unterstützt deshalb die Forderungen nach einem Betriebskindergarten und einem neuen Personalwohnheim. Ein Betriebskindergarten könne dabei auch Betreuungskonzepte ermöglichen, die Schichtdiensten im Krankenhaus gerecht werden können. Derzeit befinde sich die Stadt im Austausch mit dem Landratsamt, um geeignete Ideen zur Umsetzung zu erstellen.

Von Ralf Klormann
Schwarzwälder Bote, Teil Nordschwarzwald vom 02.05.2020

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