Geschrieben am 24.03.2021

Fast übermenschlich”, was Personal leistet

Co­ro­na — Cal­wer Chef­arzt und Pfle­ge­lei­tung der Not­auf­nah­me be­rich­ten von Kran­ken­haus­all­tag im Aus­nah­me­zu­stand

Gut zwölf Mo­na­te Pan­de­mie lie­gen hin­ter den Mit­ar­bei­tern des Cal­wer Kran­ken­hau­ses, und ein Fe­bru­ar, den sie wohl lie­ber nicht er­lebt hät­ten. Ge­prägt war der ver­gan­ge­ne Mo­nat von dem mas­si­ven Co­ro­na-Aus­bruch in der Kli­nik. Mar­tin Ober­hoff und Son­ja Kapp be­rich­ten vom All­tag im Aus­nah­me­zu­stand.

Kreis Calw. 5. Fe­bru­ar 2021: Die­sen Frei­tag wer­den die Mit­ar­bei­ter des Kran­ken­hau­ses Calw so schnell nicht ver­ges­sen. An dem Frei­tag zeich­net sich ab, dass sie es mit ei­nem mas­si­ven Co­ro­na-Aus­bruch im ei­ge­nen Haus zu tun ha­ben. Die Fol­gen sind gra­vie­rend: Die sta­tio­nä­re Auf­nah­me neu­er Pa­ti­en­ten wird ge­stoppt, wer an die­sem Tag oder da­nach in Dienst war, darf sein Zu­hau­se nur noch ver­las­sen, um zur Ar­beit zu ge­hen, die Haus­halts­an­ge­hö­ri­gen ste­hen eben­falls un­ter Qua­ran­tä­ne. Die Maß­nah­men sind ein­schnei­dend und ha­ben ei­nen Grund: die Sor­ge, dass für den hef­ti­gen Co­ro­na-Aus­bruch Vi­rus-Mu­ta­tio­nen ver­ant­wort­lich sein könn­ten.

Die Qua­ran­tä­ne trifft ge­nau die, die seit zwölf Mo­na­ten al­les ge­ben, um die Pan­de­mie zu be­kämp­fen. Die Kran­ken­haus­mit­ar­bei­ter. Zwölf Mo­na­te, in de­nen al­les »sehr, sehr gut ge­gan­gen« sei, wie Mar­tin Ober­hoff, der ärzt­li­che Di­rek­tor und Chef­arzt der Kli­nik für In­ne­re Me­di­zin, be­tont. Man ha­be ge­dacht, das En­de der zwei­ten Wel­le sei er­reicht. »Und dann kommt es zu so ei­nem Aus­bruch.

«72 Mit­ar­bei­ter und zehn Pa­ti­en­ten wer­den laut Kli­nik­ver­bund Süd­west, zu dem das Cal­wer Kran­ken­haus ge­hört, po­si­tiv ge­tes­tet wäh­rend des Aus­bruchs. Al­ler­dings las­se sich ge­ra­de bei Letz­te­ren nicht sa­gen, ob sie sich tat­säch­lich in der Kli­nik an­ge­steckt ha­ben, oder bei­spiels­wei­se in­fi­ziert ein­ge­lie­fert wur­den, er­klärt Pres­se­spre­cher In­go Ma­theus.

Selbst wenn man von ins­ge­samt 83 aus­geht, ist der Aus­bruch von den Zah­len her für Mar­tin Ober­hoff ver­gleich­bar mit de­nen in an­de­ren Kli­ni­ken. Nur, dass in Calw die Sor­ge vor Mu­ta­tio­nen da­zu­kam. Am En­de war sie un­be­grün­det, ein Hin­weis auf Ver­än­de­run­gen des Vi­rus fand sich nicht. Als die Stadt Calw in Ab­stim­mung mit dem Kreis-Ge­sund­heits­amt die Qua­ran­tä­ne ver­häng­te, war das al­ler­dings noch un­klar.

Für das oh­ne­hin am Li­mit ar­bei­ten­de Kli­nik­per­so­nal fühl­te sie sich an wie ei­ne per­sön­li­che Be­stra­fung, er­in­nert sich Mar­tin Ober­hoff. Not­wen­dig sei sie trotz­dem ge­we­sen. Auch Alex­an­dra Frei­muth, die Re­gio­nal­di­rek­to­rin des Kreis­kli­ni­kums Calw-Nagold im Kli­nik­ver­bund Süd­west, spricht von ei­ner »ho­hen psy­chi­schen Be­las­tung, auch für die Fa­mi­li­en«. Doch das Ziel war, ei­nen Schutz­wall auf­zu­bau­en.

Der ärzt­li­che Di­rek­tor be­schreibt die Zu­sam­men­ar­beit mit den Be­hör­den im Kreis als sehr gut: »So ist es auch ge­lun­gen, dass man sehr, sehr schnell den Aus­bruch be­en­den konn­te.

«Seit An­fang Ja­nu­ar, dem Be­ginn der so­ge­nann­ten zwei­ten Co­ro­na-Wel­le, sind in Calw 98 in­fi­zier­te Pa­ti­en­ten be­han­delt wor­den. An Weih­nach­ten, be­rich­tet der Chef­arzt, wa­ren es so­gar 17 Co­vid-Pa­ti­en­ten gleich­zei­tig ge­we­sen, und das in dem klei­nen Haus mit 191 Bet­ten. Zum Ver­gleich blickt Mar­tin Ober­hoff nach Tü­bin­gen. In der dor­ti­gen Uni­kli­nik mit nach ei­ge­nen An­ga­ben 1585 Bet­ten sei­en es zur sel­ben Zeit 30 ge­we­sen.

Ge­ra­de in der In­ten­siv­sta­ti­on hat das Kli­nik­per­so­nal täg­lich vor Au­gen, was das Vi­rus an­rich­ten kann – eben nicht nur bei Äl­te­ren. Die in Calw be­han­del­ten Co­vid-Pa­ti­en­ten wa­ren zwi­schen 31 und 98 Jah­ren alt. »Na­tür­lich hat je­der Angst«, sagt Mar­tin Ober­hoff. Dies nicht nur um sich sel­ber, son­dern um die Fa­mi­lie zu Hau­se oder die El­tern. »Wir wis­sen auch, dass ganz jun­ge Pa­ti­en­ten ganz, ganz schwer an Co­ro­na er­kran­ken und auch ster­ben kön­nen.« Der Um­gang mit In­fek­ti­ons­krank­hei­ten ge­hö­re für me­di­zi­ni­sches Per­so­nal zwar da­zu, aber nor­ma­ler­wei­se nicht in der Mas­se oder Dich­te wie seit Be­ginn der Pan­de­mie.

Son­ja Kapp ist die Pfle­ge­lei­tung der Not­auf­nah­me. Die­se wie­der­um be­treut die Fie­be­ram­bu­lanz. Mit Co­ro­na hat sie es al­so je­den Tag zu tun. Und selbst wäh­rend des Auf­nah­me­stopps war das Kran­ken­haus für Not­fäl­le im­mer an­fahr­bar. Um al­les zu be­wäl­ti­gen, das be­tont sie im­mer wie­der, geht nur we­gen des sehr gu­ten Zu­sam­men­halts im Team. Ge­ra­de im Aus­nah­me­zu­stand sei die­ser ex­trem wich­tig ge­we­sen, er­zählt sie.

Da­zu kom­men die Schutz­maß­nah­men, die im Cal­wer Kran­ken­haus seit Pan­de­mie­be­ginn ge­trof­fen und im­mer wie­der ver­stärkt wor­den sind: »Wir wuss­ten, dass das, was wir tun, hy­gie­nisch ein­wand­frei ist«, meint Son­ja Kapp. In dem Zu­sam­men­hang nen­nen sie und Ober­hoff die Hy­gie­ne­fach­kraft am Stand­ort, Ol­ga Ort­mann. Sie ha­be »mit den schlimms­ten Job« seit Be­ginn der Pan­de­mie, er­läu­tert der Me­di­zi­nier, ha­be Tag und Nacht mit­ge­kämpft und sei 24 Stun­den am Tag er­reich­bar. Was Ort­mann, die Teams der Not­auf­nah­me, der Pan­de­mie- und In­ten­siv­sta­ti­on, aber auch das üb­ri­ge Per­so­nal ge­leis­tet ha­ben, dar­über sagt Mar­tin Ober­hoff: »Es ist fast über­mensch­lich, das über so ei­nen lan­gen Zeit­raum durch­zu­hal­ten.« Die An­span­nung un­ter den Mit­ar­bei­tern sei im­mer noch sehr hoch. Vie­le wür­den an­ge­sichts der Dau­er­be­las­tung un­ter Schlaf­stö­run­gen lei­den.

Was laut Son­ja Kapp hilft, ist der Aus­tausch in­ner­halb des Teams. So war das auch wäh­rend des Co­ro­na-Aus­bruchs. »Wir ha­ben ver­sucht, uns so ein klei­nes, gal­li­sches Dorf ein­zu­rich­ten.« Sie be­rich­tet von Vi­deo­an­ru­fen nach Fei­er­abend und von Ku­chen, die Pri­vat­leu­te für sie ge­ba­cken ha­ben – »Ges­ten, die uns das Le­ben er­leich­tert ha­ben«.

Die Mit­ar­bei­ter der Fie­be­ram­bu­lanz ha­ben wäh­rend des Aus­bruchs das ge­sam­te Per­so­nal auf Co­ro­na ge­tes­tet. Das hät­ten sie als »krass« er­lebt. Plötz­lich so vie­le po­si­ti­ve Test­ergeb­nis­se bei Kol­le­gen, das war laut Son­ja Kapp ei­ne »emo­tio­na­le Her­aus­for­de­rung«.

Über­haupt spie­len Tests ei­ne im­mer grö­ße­re Rol­le im Kran­ken­haus­all­tag. Im Kli­nik­ver­bund Süd­west wur­den im März 2020 noch 2000 Co­ro­na­tests an Mit­ar­bei­tern und Pa­ti­en­ten vor­ge­nom­men, im ver­gan­ge­nen Fe­bru­ar wa­ren es be­reits 18 000.

In Calw ma­chen in­zwi­schen al­le neu­en Pa­ti­en­ten ei­nen PCR- und ei­nen Schnell­test. An­schlie­ßend gibt es re­gel­mä­ßig wei­te­re Schnell­tests, die Mit­ar­bei­ter wer­den wö­chent­lich ge­tes­tet.

Au­ßer­dem ha­ben die Er­fah­run­gen in der Pan­de­mie so­gar Aus­wir­kun­gen auf den Neu­bau des Cal­wer Kran­ken­haus: Dort wird es künf­tig et­wa ei­ne gro­ße Pan­de­mie­sta­ti­on und Platz für ei­ne Fie­be­ram­bu­lanz ge­ben, be­rich­tet Mar­tin Ober­hoff. »Der Neu­bau ist ziem­lich pan­de­mie­si­cher.« Denn das es noch ein­mal 100 Jah­re bis zur nächs­ten Pan­de­mie dau­ert, das glaubt der Me­di­zi­ner nicht.

Für ihn zeigt sich ge­ra­de jetzt der Vor­teil de­zen­tra­ler Struk­tu­ren, al­so klei­ner Häu­ser wie dem in Calw. Wür­den al­le Co­ro­na-Pa­ti­en­ten in die Tü­bin­ger Uni­kli­nik ein­ge­lie­fert, gin­ge dort gar nichts mehr, meint Ober­hoff. An­ders­her­um pro­fi­tier­te das Cal­wer Kran­ken­haus von der Sa­na-Kli­nik in Bad Wild­bad und dem Pa­ra­cel­sus-Kran­ken­haus in Un­ter­len­gen­hardt. »Die ha­ben uns Pa­ti­en­ten ab­ge­nom­men.«

In­zwi­schen herrscht im Kran­ken­haus der Hes­se-Stadt wie­der »Nor­mal­be­trieb«, so­weit dies eben geht, und es ist voll be­legt. Die War­te­lis­ten für Ein­grif­fe sind lang, es gibt ei­ni­ges nach­zu­ho­len. Im Ver­gleich zum Jahr 2019, als 78 000 Pa­ti­en­ten in den Häu­sern des Kli­nik­ver­bunds be­han­delt wor­den wa­ren, wa­ren es 2020 le­dig­lich 69 000. Das zeigt, dass vie­le den Gang ins Kran­ken­haus wäh­rend Co­ro­na scheu­en. Ih­re Be­schwer­den al­ler­dings ha­ben sie trotz­dem. Auch des­halb ist es Alex­an­dra Frei­muth wich­tig, zu sa­gen: »Wir ver­sor­gen na­tür­lich Co­vid-Pa­ti­en­ten, aber auch al­le an­dern.« Und die könn­ten oh­ne Sor­ge ins Kran­ken­haus kom­men.

Wer­den­de El­tern tun dies of­fen­bar. Sie sor­gen in Co­ro­na-Zei­ten im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes für po­si­ti­ve stei­gen­de Zah­len. So ka­men 2020 im Cal­wer Kran­ken­haus trotz Co­ro­na mehr Kin­der zur Welt als noch 2019, näm­lich 558 Ba­bys. Im Jahr zu­vor wa­ren es 478 ge­we­sen. Und die­ser An­stieg, er­gänzt Mar­tin Ober­hoff, hal­te un­ver­än­dert an – was um­so er­freu­li­cher ist an­ge­sichts eben­falls stei­gen­der Co­ro­na­zah­len stei­gen.

Von Verena Parage
Schwarzwälder Bote, Teil Nordschwarzwald vom 24.03.2021

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