Geschrieben am 26.10.2021

Schreiben an Landrat Riegger

Unfallchirurgie

Sehr geehrter Herr Landrat,

mit dem Spatenstich zum neuen Calwer Krankenhaus und dem dazu gehörenden Campus sowie der Neugestaltung des Krankenhauses Nagold sind der Klinikverbund Südwest, die Organe des Landkreises Calw und auch die Bevölkerung des Kreises in eine neue Phase der Entwicklung der beiden Kreiskrankenhäuser eingetreten. Dabei geht es auch um die Gestaltung der Strukturen der einzelnen Krankenhaus­abteilungen und um die Schwerpunktbildungen an dem gemeinsamen Krankenhaus­standort Calw/Nagold, wie sie in dem Medizinkonzept des Landkreises Calw bereits vorskizziert sind.

In diesem Konzept wird festgehalten, dass im Krankenhaus Nagold „das unfall­chirurgische Angebot erweitert werden soll“. Die „Bürgerinitiative pro Krankenhäuser Calw und Nagold“ befürchtet mit diesem Schritt eine Schwächung des bisherigen Schwerpunktes der stationären unfallchirurgischen Versorgung des Kreises Calw am Standort Calw, wo die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie bestens etabliert ist.

Aus diesem Grund hat die Bürgerinitiative ein Diskussionspapier zur Struktur der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie erarbeitet und bittet die Verwaltungsspitze des Landkreises und die Aufsichtsräte des Klinikverbundes Südwest, dieses Dis­kussionspapier in ihre Überlegungen zur weiteren Entwicklung der Krankenhäuser Calw und Nagold einzubeziehen.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Bernd Neufang  

Dr. Ewald Prokein  

Dr. Eberhard Bantel    

Dr. Friedrich Hezel

Anlage: Diskussionspapier

Diskussionspapier

Planung des Fachzentrums Orthopädie/Unfallchirurgie im Kreis Calw

Ausgangslage

Im Medizinkonzept des Landkreises Calw wird die Frage, welche medizinischen An­gebote künftig an den Klinikstandorten Nagold und Calw vorgesehen sind, folgender­maßen beantwortet:

  • In Nagold soll das unfallchirurgische Angebot erweitert werden. Insgesamt soll die Chirurgie in Nagold aus einer Allgemein‑, Viszeral‑, Gefäß- und Unfallchirurgie inklusive einem lokalen Traumazentrum bestehen.
  • Für Calw wird in diesem Medizinkonzept von einer auch künftig starken Ortho­pädie mit Basis-Unfallchirurgie und Basis-Allgemeinchirurgie gesprochen. Als wei­terer Schwerpunkt soll eine Alterstraumatologie entstehen.

Quelle: https://www.gesundheitscampus-calw.de/dialog

Bisher lag der Schwerpunkt der stationären unfallchirurgischen Versorgung des Kreises Calw am Standort Calw mit der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie. In Nagold wurde eine Grundversorgung Unfallchirurgie vorgehalten. Dieses Grund­prinzip hat sich bewährt und als wirtschaftlich erwiesen. Der Schwerpunkt der unfall­chirurgischen Versorgung soll nun im neuen Medizinkonzept von Calw nach Nagold verlagert werden. Damit erfolgt neben dem Standortwechsel auch eine Trennung zwischen „spezieller Unfallchirurgie“ und orthopädischer Chirurgie, die eigentlich zu­sammengehören sollten.

Dieses neue Medizinkonzept wird im Weiteren unter verschiedenen Aspekten be­leuchtet:

  • Regionale Bevölkerungsstruktur/Größe des Einzugsgebietes
  • Erreichbarkeit
  • Synergieeffekte zwischen Unfallchirurgie und Orthopädie
  • Wirtschaftlichkeit
  • Personelle Machbarkeit (Personalgewinnung, Ausbildungswege, unfallchirurgische 24/7 Bereitschaft an beiden Standorten)

Regionale Bevölkerungsstruktur, Einzugsgebiet und Erreichbarkeitszeiten der Klinikstandorte

Bei der Frage, welcher Klinikstandort für eine spezielle Unfallchirurgie unter dem Aspekt einer möglichst guten Versorgung der Bevölkerung zu bevorzugen wäre, sind vor allem die Größe des Einzugsgebietes, die Bevölkerungsdichte sowie die Erreich­barkeitszeiten der Klinikstandorte von Bedeutung. Hier liefert der Kliniksimulator wichtige Hinweise.

Calw hat hinsichtlich der Erreichbarkeit innerhalb eines PKW-Fahrzeit-Radius von 30 Minuten im Vergleich zu Nagold das deutlich größere Einzugsgebiet (275.709 Ein­wohner versus 195.009 Einwohnern). Auch die durchschnittliche Einwohnerdichte liegt mit 343,1 Einwohner je km² bezogen auf den Standort Calw deutlich höher als be­zogen auf den Standort Nagold mit 280,2 Einwohner je km². Dies spricht unter dem Aspekt einer möglichst guten Versorgung der Bevölkerung, aber auch unter Wirt­schaftlichkeitsgesichtspunkten eindeutig für die Beibehaltung des Standortes Calw für die spezielle Unfallchirurgie. Nicht umsonst siedeln sich deutschlandweit speziali­sierte Einrichtungen eher in Ballungszentren als in dünn besiedelten Regionen an.

Eine unfallchirurgische Grundversorgung existiert derzeit schon an beiden Standorten und soll an diesen auch bestehen bleiben. Offen ist hier die Frage, ob die spezielle Unfallchirurgie in Nagold aufgebaut wird, wie es das Medizinkonzept des Landkreises vorsieht oder in Calw verbleibt.

Von einer Standortverlagerung der speziellen Unfallchirurgie von Calw nach Nagold wären mehr Menschen negativ betroffen. In diesem Fall würde sich die PKW-Fahr­zeit für die Erreichung der Spezialabteilung Unfallchirurgie für 23.344 Menschen um mehr als 30 Minuten verlängern, wohingegen bei einer Beibehaltung des Standortes Calw lediglich 13.003 Menschen eine um mehr als 30 Minuten längere Fahrzeit in Kauf nehmen müssten.

Fazit: Aufgrund des größeren Einzugsgebietes, der deutlich höheren Bevölkerungs­dichte des Standortes Calw und der Verlängerung der Erreichbarkeitszeiten für 23.344 Einwohner bei Entscheidung gegen den Standort Calw gegenüber 13.003 Einwohnern bei der Entscheidung gegen den Standort Nagold sollte zur Sicherung einer bestmöglichen Versorgung der Bevölkerung für eine spezielle Unfallchirurgie der Standort Calw beibehalten werden.

Den hier genannten Zahlen liegt eine durch den GKV-Kliniksimulator vorgenommene Aktualisierung vom 8.7.2021 zu Grunde. (Quelle: https://www.gkv-kliniksimulator.de/)

Synergieeffekte zwischen Unfallchirurgie und Orthopädie

Eine spezielle Unfallchirurgie sollte in der Regel an eine Klinik für orthopädische Chirurgie angeschlossen sein. Lediglich in Großkrankenhäusern, in denen auch eine Klinik für Orthopädie angesiedelt ist, ist eine alleinige Schwerpunktklinik Unfallchirur­gie denkbar. Auch die Facharztbezeichnung ist Facharzt für Orthopädie und Unfall­chirurgie. Es gibt keinen alleinigen Facharzt für Unfallchirurgie.

Eine reine Unfallchirurgie wird Probleme bekommen, gelenknahe oder periprothe­tische Frakturen in der gebotenen Qualität zu versorgen. Gelenknahe proximale Femurfrakturen (Schenkelhalsfrakturen) müssen zumeist mit einer Hüfttotalendopro­these oder Duokopfprothese versorgt werden. Oberarmkopffrakturen oft mit einer Schulterprothese, Radiusköpfchenfrakturen manchmal mit einer Radiusköpfchen­prothese. Hier bietet Calw als Besonderheit im Klinikverbund die Versorgung von Patienten mit Schenkelhalsfrakturen (häufige Alterstraumatologie) mit einem muskel­schonenden minimalinvasiven OP-Zugang für Duokopfprothesen oder Hüfttotalendo­prothesen an.

Bei gelenknahen und periprothetischen Frakturen muss das Team endoprothetisch geübt sein. Auch bedarf es Endoprothesen und Endprothesenwechselsysteme vor Ort (Instrumente und Implantatelager). Die Verknüpfung der speziellen Unfall­chirurgie mit der Orthopädie gewährleistet eine deutlich versiertere Versorgung von Schenkelhalsfrakturen mit Endoprothesen durch die mehrfach häufiger durchge­führten elektiven Eingriffe. Dies kann am Beispiel Calw verdeutlicht werden. Hier kommen auf ca. 50 Frakturendoprothesen am Hüftgelenk fast 200 elektive Hüftpro­thesen jährlich. Die Eingriffe sind daher schneller, schonender und mit weniger Kom­plikationen behaftet, als in „klassischen“ unfallchirurgischen Kliniken mit wenig elek­tiven Endoprothesen bei Coxarthrose.

Die Verknüpfung der Unfallchirurgie mit der Orthopädie ist auch für die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie wichtig. Die Zuordnung von Assis­tenten gemeinsam in eine Unfallchirurgie und Viszeralchirurgie ist problematisch, da diese Kliniken bereits nach 2 Jahren “Common Trunk” gänzlich verschiedene Aus­bildungswege aufweisen.

Wirtschaftlichkeit

Eine reine Unfallchirurgie als Vollabteilung in Nagold würde teilweise in Konkurrenz treten mit der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in Calw um die Patienten im Versorgungsgebiet zwischen Calw und Nagold. Das ist jetzt schon zu spüren, wo statt früher nur ein Unfallchirurg nun drei Unfallchirurgen in Nagold tätig sind (Be­reichsleiter Unfallchirurgie Oberarzt Dr. Roy und zwei weitere Oberärzte nur für die Unfallchirurgie). Andererseits ist mit dieser personellen Ausstattung eine qualitativ hochwertige unfallchirurgische Grundversorgung in Nagold ohnehin gewährleistet. Eine unter wirtschaftlichen Aspekten riskante Verlagerung der speziellen Unfall­chirurgie von Calw nach Nagold erscheint unter diesen Umständen als wenig sinn­voll. Es ist fraglich, ob die Fallzahlen eine Vollabteilung für Unfallchirurgie in Nagold tragen würden. Dies umso mehr, da Nagold hinsichtlich der Erreichbarkeit innerhalb eines PKW-Fahrzeit-Radius von 30 Minuten im Vergleich zu Calw das deutlich klei­nere Einzugsgebiet aufweist (195.009 Einwohner in Nagold versus 275.709 Ein­wohner in Calw). Eine reine unfallchirurgische Abteilung ist fast immer unwirt­schaftlich. Durch die wechselseitige Konkurrenz könnte sich auch das wirtschaftliche Ergebnis der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in Calw verschlechtern. Von der ursprünglichen Schwerpunktbildung würde weiter abgerückt.

Personelle Machbarkeit

Ein weiteres Problem für eine Unfallchirurgie in Nagold könnte die Personalge­winnung darstellen. Eine solche Abteilung wäre für die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie wenig attraktiv. Die Weiterbildungsordnung sieht für diese Facharztbezeichnung eine 48-monatige Ausbildung in einer Klinik für Unfall­chirurgie und Orthopädie vor, was es erschweren würde, für eine reine Unfallchirur­gie ausreichend Assistenzärzte zu gewinnen. Der Mangel an qualifizierten Ärztinnen und Ärzten dürfte sich in Zukunft eher noch verstärken. Auch für die doppelte Vor­haltung eines unfallchirurgischen Dienstsystems mit zwei Fachärzten, eine® in Calw und eine® in Nagold während 365 Tagen 24 h könnte es zukünftig ein Personal­problem geben.

Zusammenfassung:

Aufgrund des größeren Einzugsgebietes, der höheren Bevölkerungsdichte und der Verlängerung der Erreichbarkeitszeiten für 23.344 Einwohner bei einem Wegfall sollte zur Sicherung einer bestmöglichen Versorgung der Bevölkerung der Standort Calw für die spezielle Unfallchirurgie beibehalten werden. Dafür sprechen neben den Gründen der Wirtschaftlichkeit und der personellen Machbarkeit auch die Synergie­effekte zwischen der Orthopädie und Unfallchirurgie.

Prof. Bernd Neufang  

Dr. Ewald Prokein  

Dr. Eberhard Bantel    

Dr. Friedrich Hezel

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