Geschrieben am 07.08.2012

Was bedeutet die Aufgabe des Klinikstandortes Calw für die ärztliche Versorgung der Bevölkerung?

Überlegungen zur zukünftigen ärztliche Versorgung in der Stadt Calw und ihrem Umland


Dr. Friedrich Hezel
Bad Liebenzell, den 15.6.2012


Inhalt

1. Wegfall der Klinikstandorte Calw und Nagold, Bau eines komplett neuen Klinikums an einem noch zu bestimmenden Standort

2. Einhäusigkeit versus  Krankenhaus an zwei Standorten.

3. Welche Versorgungsstrukturen gehen verloren?

3.1. Radiologie

3.2. Nephrologie

3.3. Kardiologie

3.4. Gynäkologie

3.5. HNO

3.6. Wundambulanz Calw

3.7. Ärztliche Notfallpraxis Calw

3.8. Akute chirurgische Versorgung

3.9. Innere Ambulanz

3.10. Ambulante neurologische Versorgung

3.11. Drohender Ärztemangel in der ambulanten Versorgung

3.11. Calw als Standort des Notarztwagens

4. Verschlechterung in der Akutversorgung lebensbedrohlicher Erkrankungen

4.1. Die Akutversorgung des Herzinfarktes

4.2. Die Akutversorgung des Schlaganfalles

5. Auswirkungen auf die Kooperation zwischen ambulantem und stationärem Versorgungssektor

6. Konsequenzen für die Vernetzung der niedergelassenen Ärzte untereinander

7. Verlust von Einzugsregionen

7.1. Patientenwanderungen innerhalb des Klinikverbundes

7.2. Patientenwanderungen zu Versorger außerhalb des Klinikverbundes

8. Kostenverschiebungen statt Einsparungen

8.1. Mehrkosten bei Klinikfahrten, Notarztfahrten und Hubschraubereinsätzen

8. 2. Fahrtkosten bei Patienten und Angehörigen

8.3. Zusatzkosten durch Umwelt– und Verkehrsbelastungen

9. Infrastrukturschwächung von Calw und Nagold

10. Eingeschränkt zukunftsfähig durch Aufgabe der Klinikstandorte

11. Keine Entscheidung ohne Standortwahl

12. Einbeziehung der Öffentlichkeit in den Diskussions– und Entscheidungsprozess

Summary

  1. Die Prüfung der zukünftigen stationären Versorgung im Kreis Calw darf sich nicht auf den Neubau eines gemeinsamen Klinikums an einem neuen Standort verengen. Gleichberechtigt dazu sind auch Klinikneubauten / Renovierungen an den bisherigen Klinikstandorten Calw und Nagold zu erwägen.
  2. Zwei Klinikstandorte in Calw und in Nagold mit Schwerpunktbildung haben sich in den Jahren 2007–2009 ökonomisch bewährt und dürfen nicht ohne Not aufgegeben werden.
  3. Es darf keine Entscheidung über ein gemeinsames Klinikum getroffen werden ohne eine gleichzeitige Auswahl eines geeigneten Standortes. Keine Klinikdiskussion ohne Standortdiskussion.
  4. Die Öffentlichkeit muss in jeder Phase des Entscheidungsprozesses mit einbezogen werden. Die bereits erstellten und noch zu erstellenden Gutachten müssen öffentlich zugänglich sein.
  5. Ein Wegfall der Klinikstandorte Calw und Nagold schwächt die Infrastruktur beider Städte.
  6. Die Standortverlagerung führt zu einem Wegfall eines urbanen Zentrums medizinischer Notfallversorgung in den Städten Calw und Nagold.
  7. Die Standortverlagerung führt zu einer Verschlechterung in der Versorgung schwerwiegender und lebensbedrohlicher Volkskrankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall.
  8. Erhebliche Auswirkungen auf die ärztliche  Versorgung in Calw hat eine Standortverlagerung für die Radiologie, Nephrologie, Neurologie, Gynäkologie, Kardiologie, HNO, die Wundambulanz sowie für die ärztliche Notfallpraxis Calw.
  9. Die Kooperationsbeziehungen zwischen den Krankenhausärzten und Klinikärzten werden erschwert.
  10. Mögliche negative Auswirkungen der Standortverlagerung auf die ambulante medizinische Infrastruktur in Calw und Nagold sind zu berücksichtigen.
  11. Es dürfen nicht nur die Betriebskosten betrachtet werden. Kostenverlagerungen in andere Bereiche wie Krankenfahrten, Notarztwesen, Fahrtkosten für Patienten und Angehörige und Umweltbelastungen sind zu berücksichtigen.
  12. Ein Verlust der zwei Klinikstandorte schafft Fakten für eine zukünftige ärztliche Versorgung des Kreises Calw und verengt zukünftige Versorgungsspielräume.


1. Wegfall der Klinikstandorte Calw und Nagold, Bau eines komplett neuen Klinikums an einem noch zu bestimmenden Standort


In seiner Klausurtagung am 21.4.2012 in Bad Herrenalb haben die Mitglieder des Kreistages Herrn Landrat Herrn Riegger beauftragt, als Ersatz für die beiden Krankenhäuser in Calw und in Nagold den Bau eines komplett neuen, einhäusigen Klinikums an einem noch zu bestimmenden Standort zu prüfen.

Damit wird erstmalig öffentlich von der Beteuerung abgerückt, der Klinikstandort Calw sei sicher.  Wir müssen nun als niedergelassene Ärzte dieser Region und als Bürger darüber diskutieren, welche Konsequenzen sich für die ärztliche Versorgung der Stadt Calw und ihres Umlands aus dem Wegfall eines Kreisklinikums Calw ergeben würden. Die Diskussion darüber wird dadurch erschwert, dass bisher mögliche Standorte eines neuen einheitlichen Klinikums noch nicht genannt werden. Allerdings werden hinter vorgehaltener Hand als mögliche Standorte bisher Jettingen und Wildberg genannt.

Die Diskussion darüber befindet sich in einem sehr frühen Stadium. Um mit unserer Meinung zu einer Standortaufgabe Gehör zu finden, scheint es mir allerdings wichtig, dass wir uns frühzeitig dazu äußern.

Die Überlegungen  eines einhäusigen Klinikneubaues für den Kreis Calw folgen dabei den Überlegungen, die Krankenhäuser Böblingen und Sindelfingen in einem Klinikneubau zusammenzufassen. Die Pläne für den Kreis Calw unterscheiden sich allerdings in einem wichtigen Punkt von der Situation in Böblingen / Sindelfingen. Eine neue Klinik in Böblingen / Sindelfingen wäre für die Bewohner beider Städte ähnlich gut und schnell erreichbar wie die bisherigen Krankenhäuser. Für die Bewohner von Calw und Nagold würden sich aber im Fall eines Klinikneubaues im Kreis Calw erhebliche Anfahrtswege und damit Verzögerungen in der Akutversorgung ergeben. Auch würde ein Wegfall dieser Kreiskliniken für die Kreisstädte Calw und Nagold eine Verschlechterung nicht nur der medizinischen Infrastruktur dieser Städte nach sich ziehen.

Wichtig ist uns, die Frage eines Klinikneubaues nicht nur unter betriebswirtschaftlichen Aspekten zu führen. Vor allem Aspekte einer möglichst guten medizinischen Versorgung der Bevölkerung müssen ausreichend Berücksichtigt werden.

Wir sollten uns daher über rein betriebswirtschaftliche Erwägungen hinausgehend über das Für und Wider zweier Klinikstandorte in einem Flächenkreis wie Calw Gedanken machen.


2. Einhäusigkeit versus  Krankenhaus an zwei Standorten


Noch vor nicht allzu langer Zeit hielt man Großkliniken von 800 bis 1000 Betten optimal für die stationäre Versorgung von Patienten. Heute dagegen häufen sich Hinweise, dass eine Klinikgröße von 400 bis 500 Betten in vielen Punkten solchen Großkliniken überlegen ist. Das Kreisklinikum Calw / Nagold befindet sich in dieser Größenordnung. Es stellt sich nun die Frage, ob dieses Klinikum an einem (noch zu bestimmenden) Ort oder an 2 Standorten wie bisher betrieben werden sollte.

Rein betriebswirtschaftlich ist sicherlich ein Standort günstiger. Unter anderem können so die in Akutkliniken notwendigen Bereitschaftszeiten besser organisiert werden. Beflügelt wurde die Diskussion über eine Zusammenlegung der Krankenhäuser auch durch die eventuell sich ergebende Notwendigkeit, eine oder gar beide Kreiskliniken komplett neu zu bauen. Hier wäre dann die Errichtung eines einzigen Klinikneubaues an einem neuen Standort die kostengünstigere Lösung. Fraglich ist, ob tatsächlich beide Kliniken neu errichtet werden müssten oder ob für Calw nicht auch eine Sanierung ausreichend wäre.

Zu beachten ist auch, dass das Konzept eines Klinikums an 2 Standorten, verknüpft mit einer Schwerpunktbildung der Häuser in den Jahren 2007 bis 2009 seine Wirtschaftlichkeit bewiesen hat, ganz im Gegensatz zu einigen anderen, deutlich größeren Kliniken des Klinikverbundes Südwest.

Für die Beibehaltung beider Klinikstandorte sprechen die demographische Struktur unseres Landkreises mit den zwei Ballungszentren Nagold und Calw und die Weitläufigkeit der Einzugsgebiete beider Regionen. Die Bevölkerung an den nördlichen und südlichen Rändern unseres Landkreises würde bei Errichtung eines neuen Kreisklinikums an einem zentralen Standort in Krankenhäuser der Nachbarkreise ausweichen. Die Rechnung “aus zwei mach eins” würde so sicherlich auch betriebswirtschaftlich nicht aufgehen.

Schon wegen der schnellen Erreichbarkeit und Einhaltung von Notfallzeiten sollten Akutkrankenhäuser in Ballungszentren und nicht auf der grünen Wiese platziert werden. Versorgungsvorteile durch die Beschleunigung der Rettungskette durch Konzepte wie „Cardio-Angel“ und „Stroke-angel“ würden durch eine solche Standortwahl zu Nichte gemacht.

Akutkrankenhäuser entwickeln sich zu Zentren einer medizinischen Infrastruktur, die weit über den eigentlichen stationären Versorgungssektor hinausreicht. Viele Praxen, vor allem die Facharztpraxen suchen ihren Standort entweder direkt am Krankenhaus oder in seiner unmittelbaren Nähe. Beispiele für Calw sind hier die Radiologie, Gynäkologie, Nephrologie, Kardiologie, HNO, die Wundambulanz und  die ärztliche Notfallpraxis für den Bereitschaftsdienst am Wochenende. Solche gewollten und notwendigen Verflechtungen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung werden bei einem Klinikum auf der grünen Wiese unmöglich.

Die Aufgabe der Klinikstandorte in Calw und Nagold würde in diesen Städten zu einem Wegfall urbaner Zentren der Akut– und Notfallversorgung führen. Auch wäre eine wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet.

Zwei Klinikstandorte in den entsprechenden Ballungszentren reduzieren die Anfahrtswege und damit die Verkehrsbelastung der Region. Ihr Wegfall führt zu einem höheren Verkehrsaufkommen, einer Verteuerung bei Krankenfahrten, einer Zunahme notwendiger Hubschraubereinsätze und einer Verteuerung von Fahrkosten bei Patienten und Angehörigen.

Über die rein medizinische Infrastruktur hinausreichend sind Kliniken bedeutsam für die Infrastruktur von Calw und Nagold, für die Attraktivität dieser Städte bei erwünschtem Zuzug und Industrieansiedelung, für die Dienstleistung und den Einzelhandel in diesen Städten.

Diese Punkte wurden hier nur kurz angerissen und werden in den folgenden Kapiteln  näher erläutert.


3. Welche Versorgungsstrukturen gehen verloren?


3.1. Radiologie

Ob die radiologische Praxis im Fall der Aufgabe des Klinikstandortes in Calw bleiben wird, ist mehr als ungewiss. Die hochmodernen CT– und MRT-Geräte sind sicherlich auf eine Zusatznutzung durch das Krankenhaus angewiesen. Vorsorglich hat sich diese Praxis einen zweiten Standort in Leonberg gesucht. Wird Calw als Standort einer hochentwickelten Radiologie auch wegfallen? Und was machen dann die Praxen (u.a. Lungenheilkunde), die auf diese radiologischen Leistungen angewiesen waren?

3.2. Nephrologie

Die Nephrologie ist auf die unmittelbare Nähe zu einer Akutklinik angewiesen und umgekehrt die Akutklinik auf nephrologische Konsiliardienste. Kann die Nephrologie nach einer Standortverlagerung des Krankenhauses in Calw und Nagold weiterbestehen?

3.3. Kardiologie

Einer der Calwer Kardiologen hat unter anderem zur gemeinsamen Apparate-Nutzung seine Praxis an das Kreisklinikum Calw verlegt. Ferner beteiligt er sich an den Herzkatheteruntersuchungen in Calw. Wie wird diese Kooperation von der Standortverlagerung betroffen sein?

3.4. Gynäkologie

Werden die Calwer Gynäkologen auch an einem einhäusigen Klinikum Calw / Nagold weitab von Calw Belegbetten betreiben, wie wird sich diese Praxis auf die Standortverlagerung einstellen, wo wird der zukünftige Praxissitz sein?

3.5. HNO

Wird es im Fall einer Aufgabe des Klinikstandortes Calw weiterhin HNO-Belegbetten geben?

3.6. Wundambulanz Calw

Wird es in Calw weiterhin eine vor allem für viele Diabetiker so wichtige Wundambulanz geben?

3.7. Ärztliche Notfallpraxis Calw

Die ärztliche Notfallpraxis profitiert bisher von ihrem Standort in den Räumen des Klinikums Calw, unter anderem bei Auftreten und der Versorgung von akuten Notfallsituationen. Umgekehrt  profitiert das Krankenhaus durch Entlastung ihrer Bereitschaftsärzte am Wochenende hinsichtlich der Versorgung ambulanter Patienten. Auch profitiert das Krankenhaus im Fall erforderlicher Krankenhauseinweisungen.

3.8. Akute chirurgische Versorgung

Können die akuten Verletzungen, unkomplizierten Frakturen und Arbeitsunfälle, die bisher neben der niedergelassenen chirurgischen Praxis im Stadtzentrum auch durch die chirurgische Ambulanz mitversorgt wurden, ganz von der niedergelassenen chirurgischen Praxis versorgt werden? Wie erfolgt die Versorgung schwerverletzter Patienten?

3.9. Innere Ambulanz

Internistische Notfälle konnten bisher bei unklaren Krankheitsbildern über die internistische Notfallambulanz mit abgeklärt werden, unter anderem bei tiefen Beinvenenthrombosen, dem Ausschluss von Lungenembolien oder dem Ausschluss eines akuten Herzinfarktes. Diese zusätzliche, der Patientensicherheit dienende Versorgungsoption würde zukünftig wegfallen.

3.10. Ambulante neurologische Versorgung

Ein erheblicher Teil der erforderlichen ambulanten neurologischen Versorgung Calws wird durch die Ermächtigung des Chefarztes der Neurologie sichergestellt. Die angedachte Standortverlagerung reißt eine empfindliche Lücke in die ambulante neurologische Versorgung Calws.

3.11. Drohender Ärztemangel in der ambulanten Versorgung

Schon heute droht in Calw ein Ärztemangel. Durch den Wegfall des Klinikstandortes wird Calw für niederlassungswillige Ärzte weniger attraktiv. Bei der Akutversorgung von Patienten konnte bisher im Fall kurzfristiger Versorgungsengpässe oder unklarer Krankheitsbilder auf die Mitversorgung des Krankenhauses zurückgegriffen werden, was die Patientenversorgung erleichterte und zur Versorgungssicherheit beitrug. Dies fällt künftig weg und macht damit Calw als Niederlassungsort für Ärzte weniger attraktiv.

Bisher können Fachärzte durch Kooperationsbeziehungen zum Kreisklinikum ihr Versorgungsangebot erweitern, auch dies fällt künftig weg und macht die Neubesetzung dieser Praxen möglicherweise weniger attraktiv.

In der Diskussion über die Standortaufgabe des Krankenhausstandortes Calw wird gerne argumentiert, die dann wegfallenden ambulanten Versorgungsstrukturen könnten durch die Errichtung eine MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) aufgefangen werden. Dies scheint uns mehr als fraglich. Viele der bisherigen MVZs werden in unmittelbarer Krankenhausnähe errichtet, unter anderem wegen der dadurch besseren Kooperationsmöglichkeiten. Die Errichtung eines MVZ weitab einer Klinik scheint für mögliche interessierte Ärzte weniger attraktiv. Es ist mehr als ungewiss, für solch ein MVZ geeignete Ärzte finden zu können.

Wie schwierig die Nachfolgersuche auch im Facharztbereich derzeit ist, hat sich gezeigt, als die Neubesetzung des neurologischen Praxissitzes im letzten Jahr trotz intensiver Bemühungen nicht gelang.

3.11. Calw als Standort des Notarztwagens

Das Kreisklinikum Calw konnte hier in größerem Umfang Versorgungsaufgaben mit übernehmen, die künftig anderweitig ersetzt werden müssten.


4. Verschlechterung in der Akutversorgung lebensbedrohlicher Erkrankungen


Viele Krankheiten wie akute Verletzungen, Herzinfarkt, Schlaganfall oder innere Blutungen setzen ein schnelles ärztliches Eingreifen in Kliniken voraus, das auch durch einen modernen und schnellen Rettungsdienst in vielen Fällen nicht ersetzt werden kann.

Eine moderne Rettungskette ist auf kurze Anfahrtswege in die Klinik angewiesen, im Winter bei schlechten Straßenverhältnissen kann der Rettungsweg sonst schnell über einen kritischen Zeitraum verlängert sein, insbesondere nachts, wenn nicht auf einen Rettungshubschrauber zurückgegriffen werden kann. Dies macht sich schon jetzt negativ in einigen dünnbesiedelten Landkreisen bemerkbar.

4.1. Die Akutversorgung des Herzinfarktes

Bei einem akuten Herzinfarkt ist es wichtig, das verengte bzw. verschlossene Herzkranzgefäß möglichst schnell mittels eines Herzkatheters aufzudehnen. Je schneller dies geschieht, umso weniger Herzmuskel wird durch den Herzinfarkt zerstört. Dies hat einen wesentlichen Einfluss auf das gesundheitliche Befinden des Patienten nach überstandenem Herzinfarkt.

2010 wurde zusätzlich zu der schon bestehenden invasiven Kardiologie in Calw mit Herzkatheterlabor auch in Nagold die Kardiologie mit Herzkatheterlabor ausgerüstet. Ein Argument für diese Entscheidung war der aus der Sicht des Klinikverbundes zu lange Anfahrtsweg von der Region Nagold nach Calw. Eine Aufgabe der Herzkatheterstandorte Calw und Nagold würde diesen Vorteil nun wieder zu Nichte machen.

Zur Beschleunigung der Zeit bis zum Eintreffen des Patienten im Herzlabor soll künftig zusätzlich dadurch erreicht werden, dass Untersuchungsdaten aus dem Notarztwagen direkt in das Herzkatheterlabor übermittelt werden. Dieses Verfahren läuft unter der Bezeichnung „Cardio-Angel“. Auch hier scheint es nicht schlüssig, auf der einen Seite mit aufwendigen Maßnahmen die Zeit des Eintreffens des Patienten im Herzkatheterlabor zu verkürzen, auf der anderen Seite aber durch die Aufgabe einer wohnortnahen Krankenhausversorgung wieder zu verlängern.

4.2. Die Akutversorgung des Schlaganfalles

Ähnlich wie bei der Akutversorgung des Herzinfarktes ist beim Schlaganfall die Zeit bis zum Beginn einer effektiven Behandlung entscheidend. Je länger man zuwartet, umso mehr Gehirnmasse geht verloren. Beim Schlaganfall besteht die Behandlung derzeit vorwiegend in der medikamentösen Auflösung des die Gehirnarterie verstopfenden Thrombus, genannt Lyse. Voraussetzung für solch eine Lyse ist die Durchführung eines Computertomogrammes (CT) des Kopfes und eine neurologische Untersuchung. Das CT kann in den Kreiskliniken Calw und Nagold gemacht werden, die neurologische Untersuchung bisher nur im Kreisklinikum Calw. Über eine Datenleitung kann jedoch der Calwer Neurologe diese Untersuchung als sogenanntes telemedizinisches Fernkonzil auch in Nagold durchführen, eine Methode, die sich bundesweit bewährt hat und die den Krankenhäusern zwischenzeitlich auch vergütet wird. Somit könnten an beiden Krankenhausstandorten Calw und Nagold Patienten mit einem akuten Schlaganfall ohne Zeitverlust versorgt werden. Beschleunigt werden soll dies durch eine zusätzliche Datenübertragung von Patientendaten aus dem Rettungswagen / Notarztwagen direkt in die Klinik. Dieses Verfahren läuft analog zum „Cardio-Angel“ unter der Bezeichnung „Stroke-Angel“.

Auch hier scheint es nicht schlüssig, auf der einen Seite mit aufwendigen Maßnahmen die Zeit des Eintreffens des Patienten in der Schlaganfalleinheit des Klinikums zu verkürzen, auf der anderen Seite aber durch die Aufgabe einer wohnortnahen Krankenhausversorgung durch weitere Anfahrtswege wieder zu verlängern.


5. Auswirkungen auf die Kooperation zwischen ambulantem und stationärem Versorgungssektor


Eine optimale medizinische Versorgung kann nur in enger Kooperation zwischen ambulant und stationär tätigen Ärzten erfolgen. Die Krankenhausaufnahme wie die Entlassung müssen gut vorbereitet sein, der Hausarzt als ärztlicher Vertreter der Patienteninteressen muss in den stationären Behandlungsablauf eingebunden sein, es dürfen im Fall einer Krankenhauseinweisung wie Entlassung keine Informationen über den Patienten und seine Erkrankungen verlorengehen, das Behandlungskonzept in Klinik und Praxis muss zur Übereinstimmung gebracht werden. Um dies alles zu gewährleisten, müssen sich die Ärzte in Klinik und Praxis gut kennen und gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen / Qualitätszirkel besuchen. Dafür ist eine gewisse räumliche Nähe unverzichtbar.

Darüber hinaus existieren vielfältige Kooperationsbeziehungen im fachärztlichen Bereich, die im Fall eines Standortwechsels verlorengehen. Sie wurden im Kap. 3 geschildert und betreffen vor allem die Radiologie, Gynäkologie, HNO, Diabetologie, Nephrologie, Kardiologie und Neurologie.

Insgesamt hat sich zwischen den niedergelassenen Ärzten unserer Region und den Krankenhausärzten ein relativ gutes, informelles Versorgungsnetzt entwickelt, das der medizinischen Versorgung unserer Bevölkerung zu Gute kommt. Beispiele hierfür sind die Entwicklung gemeinsamer Behandlungspfade sowie die Erstellung einer gemeinsamen Arzneimittelliste für die Behandlung wichtiger und häufiger Erkrankungen.

Im Fall einer Standortverlagerung könnte dieses informelle Versorgungnetz in dieser Form und Qualität nur schwer aufrecht erhalten, geschweige denn weiter entwickelt werden.

Auch die Qualitätszirkelsitzungen könnten nicht mehr am Krankenhaus stattfinden, die Einbeziehung der Klinikärzte in die Arbeit der Qualitätszirkel wäre erschwert.


6. Konsequenzen für die Vernetzung der niedergelassenen Ärzte untereinander


Je nach Standortwahl werden die nördlichen Gemeinden des Kreises Calw, wie z.B. Schömberg und Bad Liebenzell wegen der Nähe und schnelleren Erreichbarkeit mit Pforzheimer Kliniken kooperieren. Dies hätte dann zumindest teilweise auch Auswirkungen auf die Kooperationsbeziehungen der Ärzte untereinander, beispielsweise bei der Bildung von Qualitätszirkeln und bei der Kooperation zwischen Allgemeinärzten und Fachärzten.

Ähnlich wie sich derzeit im Umfeld des Kreisklinikums Calw ein Netz vielfältiger Kooperationsbeziehungen niedergelassener Ärzte mit Entwicklung gemeinsamer Behandlungspfade und Arzneimittellisten gebildet hat, könnten sich künftig solche Netze im Umfeld stationärer Kooperationspartner in Pforzheim bilden. Dies ginge dann möglicherweise zu Lasten der niedergelassenen Fachärzte in Calw.


7. Verlust von Einzugsregionen


7.1. Patientenwanderungen innerhalb des Klinikverbundes

Aus weiten Teilen des Ostens des Kreises Calw mit den Gemeinden Simmozheim, Ostelsheim und Althengstett  sind Abwanderung von Patienten nach Böblingen / Sindelfingen zu erwarten.

7.2. Patientenwanderungen zu Versorger außerhalb des Klinikverbundes

Aus den nördlichen Teilen des Kreises Calw mit  den der Gemeinden Schömberg, Bad Liebenzell und Unterreichenbach sind Abwanderung von Patienten nach Pforzheim zu befürchten, aus südlichen Teilen des Kreises wie beispielsweise  Altensteig drohen bei einem solchen Standortkonzept Abwanderungen nach Freudenstadt.


8. Kostenverschiebungen statt Einsparungen


Eine rein betriebswirtschaftliche Betrachtung der Kostenvorteile eines einhäusigen Klinikstandortes im Kreis Calw greift zu kurz.  Bei einer Aufgabe der Klinikstandorte in den Ballungsregionen Calw und Nagold entstehen zusätzliche Kosten für Krankenfahrten und Notarztfahrten, Fahrkosten bei Patienten und Angehörigen und Zusatzkosten durch eine gesteigerte Umwelt– und Verkehrsbelastung. Eine Schätzung dieser Kosten kann hier nicht vorgenommen werden, sie wäre Aufgabe eines Standortgutachtens.

8.1. Mehrkosten bei Klinikfahrten, Notarztfahrten und Hubschraubereinsätzen

Durch die verlängerten Anfahrtswege aus Calw und Nagold entstehen zusätzliche Kosten bei Krankenfahrten und Notarzteinsätzen, die hier in ihrer Höhe nicht abgeschätzt werden können. Um den Nachteil einer verlängerten Anfahrt bei lebensbedrohlichen Erkrankungen auszugleichen, werden eventuell auch vermehrt Hubschraubereinsätze anfallen.

8. 2. Fahrtkosten bei Patienten und Angehörigen

Schon jetzt stellen Taxifahrten für eine ambulante Behandlung im Krankenhaus Calw, die von den Kassen nicht getragen werden, für einkommensschwache Patienten eine erhebliche Belastung dar.  Hier wird eine erheblich verlängerte Anfahrt dazu beitragen, dass eigentlich erforderliche Abklärungen und Behandlungen unterbleiben. Auch für Angehörige steigen die finanziellen und zeitlichen Kosten eines Krankenbesuchs.

Eine wohnortnahe Versorgung wäre bei nur einem Klinikstandort im Kreis Calw nicht mehr gegeben.

8.3. Zusatzkosten durch Umwelt– und Verkehrsbelastungen

Die vermehrte Verkehrsbelastung ist für den Landkreis Calw als Bäderkreis und Erholungsregion zu berücksichtigen, allerdings können über das Ausmaß der vermehrten Verkehrsbelastung keine Aussagen gemacht werden.


9. Infrastrukturschwächung von Calw und Nagold


Ein Krankenhaus ist für die Infrastruktur einer Kreisstadt und für deren Wirtschaftskraft von erheblicher Bedeutung, nicht nur als Arbeitgeber. Genauso wie gute Schulen und eine gute Verkehrsanbindung stellt ein Krankenhaus einen wichtigen Standortfaktor dar, der mit darüber entscheidet, ob sich Menschen oder Industriebetriebe in dieser Stadt ansiedeln oder nicht.


10. Eingeschränkt zukunftsfähig durch Aufgabe der Klinikstandorte


Die Medizin unterliegt gerade heute im Zeitalter mikrochirurgischer und mikrodiagnostischer Anwendungen, der Entwicklung von Stammzelltherapien und dem zunehmenden Einsatz telemedizinischer Verfahren einem raschen Wandel. Dieser Wandel ermöglicht keine sicheren Voraussagen darüber, in welcher optimalen Betriebsgröße die Krankenhausbehandlung der Zukunft stattfinden wird. Dies ist ein wichtiges Argument für den Erhalt eines Krankenhausstandortes. Ist ein Krankenhaus erst einmal geschlossen, ist der Standort meist unwiederbringlich verloren, auch wenn sich die Betriebsgröße zwischenzeitlich als ausreichend herausstellen sollte.


11. Keine Entscheidung ohne Standortwahl


Die negativen Folgen der Aufgabe der Klinikstandorte für Calw und Nagold sind umso ausgeprägter, je weiter der neue Standort von der jeweiligen Stadt entfernt ist. Ohne Kenntnis des neuen Standortes lassen sich keine sicheren Aussagen zur Wirtschaftlichkeit, zu erwarteten Patientenwanderungen und zur Auswirkung der Standortverlagerung machen. Bei den hier angestrengten Überlegungen wird davon ausgegangen, dass sich der neue Standort in etwa auf halber Strecke zwischen Calw und Nagold, in Wildberg befindet.


12. Einbeziehung der Öffentlichkeit in den Diskussions– und Entscheidungsprozess


Die Bevölkerung der Kreisstädte Calw und Nagold ist durch die Aufgabe dieser Klinikstandorte erheblich betroffen. Es muss sichergestellt sein, dass die Bevölkerung in allen Phasen des Diskussions– und Entscheidungsprozesses mit einbezogen wird.  Die in der Presse und auf der Homepage des Landkreises genannten Gutachten hinsichtlich der Bausubstanz der Krankenhäuser (Team Plan) und die Strukturanalyse und Perspektivenstudie der Prognos AG für den Landkreis Calw (“ Erstellung einer Strukturanalyse und Perspektivenstudie für den Landkreis Calw, Zukunftsprogramm und Weichenstellung für den Landkreis Calw bis zum Jahr 2030, erstellt im Auftrag des Landkreises Calw, 2011″, siehe www.prognos.com/Referenzen.149.0.html, aufgerufen am 20.5.2012) müssen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Der Landrat, der Oberbürgermeister von Calw sowie die Geschäftsführung des Klinikverbundes Südwest sollten um ihre Vorstellungen gebeten werden, wie die Öffentlichkeit in den Entscheidungsprozess einbezogen werden kann.

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